20. Mai 2017

Hashtags und Hundeöhrchen.

Hallo.
Ja, ich lebe noch.
Ich war schreibfaul in der letzten Zeit. Okay, in den letzten Jahren.
So schreibfaul, dass ich fast vergessen habe, dass es diesen Blog noch gibt.
Aber dann habe ich Instagram neu entdeckt. Und dort die vielen Accounts von Flugbegleitern.
Ach. Sieh an.
Mein Beruf in den schillerndsten Farben. So lebt es sich also als Düse: ich war fasziniert von einem Leben, das meins sein sollte, ich aber nicht wiedererkannte.

Als ich nämlich diesen Blog nebst Twitter-Account so 2008 oder 2009 angefangen habe, gab’s das gar nicht. Düsen und soziale Medien - das war eine ähnliche Relation wie Teufel und Weihwasser. Traditionell war die Kabine eben nie an kommunikationstechnologischen Neuerungen interessiert. (Das Cockpit im übrigen oft auch, was angesichts des hochtechnischen Berufes noch viel skurriler ist.) Wir lebten ein bisschen in unserem eigenen, verschlossenen Mikrokosmos.

Ich erinnere mich an Gespräche vor fast zwanzig Jahren mit Kabinenkollegen, in denen ich verzweifelt versuchte, sie von den Vorteilen eines stinknormalen Handys zu überzeugen - da wäre man doch unterwegs erreichbar und ganz raffiniert, man könne auch mal kurze SMS-Nachrichten nach Hause schicken. Wäre doch perfekt für unseren Beruf. Aber viele waren auch schon mit einem knochenförmigen Nokia mit popeliger Tastatur und monochromem Display überfordert.
„Nee, brauche ich nicht. Immer diese ständige Erreichbarkeit. Wer braucht das schon. Und wenn ich unterwegs bin, hab ich doch auf'm Hotelzimmer 'n Telefon!“
Ich ärgerte mich immer über so viel Ablehnung gegenüber technischen Errungenschaften - wie kann man sich nur so vor der Zukunft verschliessen?

Heute trauere ich diesen Zeiten nach. Die Arbeit war weniger, die Pausen länger und es war einfach mehr Zeit. Zeit, die jetzt ein knappes Gut ist und noch knapper, weil noch schnell 'ne Whats-App geschickt werden muss, oder jetzt, ha, ganz brandneu, unsere 19jährige Kollegin noch schnell 'n Galleyselfie mit wackelnden Hasenohren und Hundeschnäuzchen snappen muss - alles dokumentiert mit dem Hashtag #ilovemyjob.

Und während Lena-Florentine-Marie dann so vierhundert Kim-Kardashian-Duckfaces vor ihrem Smartphone abposed und sich selbst und ihren tollen, supergeilen Mega-Job feiert, der kaum eine WG-Zimmermiete und einen Monatsvorrat Miracoli bezahlt, rödele ich im Hintergrund herum, räume dies und das von rechts nach links, mache mir Gedanken, wann jetzt wohl der erste Pax kommt, wie wir das mit dem Service machen, ob der Techniker noch wegen der Scheißkaffeemaschine kommt, die eh schon seit Wochen kaputt ist, was aber keinen weiter interessiert, denn wer braucht schon Kaffee, sonst geht’s ja auch, und überhaupt fehlen sowieso zehn Essen, das Cleaning ist auch noch nicht durch, der Co frisst mal wieder das letzte Crewobst ohne zu fragen, und unser Kapitän heult mir den Kittel über den letzten Cockpit-Tarifvertrag voll, der ja eine totale Unverschämtheit ist, und er jetzt Existenzängste hat, weil ihn die Unterhaltszahlungen auffressen für 5 Kinder und 3 Ex-Frauen, die deshalb Ex-Frauen sind, weil er sich durch sämtliche Layover poppen musste und die Frauen das irgendwann spitz gekriegt haben, und er jetzt doch tatsächlich die Finca auf Mallorca verkaufen muss.

„Das ist voll der coole Job hier!“ kiekst Lena-Florentine-Marie und strahlt wie ein Honigkuchenpferd.

Und ich kann mich nicht entscheiden, ob ich die zwei raren Sekunden freier Zeit nutzen soll, um endlich mal Pipi zu machen. Oder Lena-Florentine-Marie einfach mal eine zu scheuern. Mit anschliessendem Snapchat-Selfie und Hundeöhrchen. Hashtag #ilovemyjob und so.