3. September 2015

Spätsommersonntag.

Es war einer dieser Berliner Spätsommer-Sonntage – ein Tag, an dem die ganze Stadt noch ein letztes Mal ins Grüne aufbricht, denn alle wissen: Der ungemütliche Herbst steht schon vor der Tür und könnte sich jeden Moment die Stadt zurückerobern.

Wir saßen an der Spree, ich und meine Freundin Kristin, an einem Uferstück, das einsamer nicht hätte sein können.

Um dort hinzugelangen, muss man erst dorthin fahren, wohin ein eingefleischter Mitte-Neukölln-Hipster nie hinkommt: Über den schützenden S-Bahn-Ring hinaus und noch viel weiter, tief in den Osten der Stadt. Durch halb verfallene, halb luxussanierte Straßenzüge hindurch in ein altes Gewerbegebiet, über einen verwaisten Supermarktparkplatz hinweg an massiven ehemaligen Industriegebäuden vorbei, fanden wir uns am wohl einsamsten Spreeuferstück an diesem Sonntag auf unseren Picknickdecken wieder.

Die einzigen Menschenseelen, die uns an diesem Ort begegneten, waren Ruderer oder bootsfahrende Grüppchen, die vor uns auf dem Wasser vorbeizogen. (Und von denen uns einer schliesslich daran erinnerte, dass wir immer noch in Berlin sind, indem er sich am Bug des Bootes aufstellte, die Hosen runterließ und in hohem Bogen in die Spree pinkelte.)

Wir lagen im Gras, genossen den kühlen Schatten der riesigen Bäume, lasen ein bisschen, quatschen über Quatsch und Ernstes, schauten aufs Wasser.

Bis es hinter uns quietschte, das Quietschen einer alten, nicht geölten Feder. Auf und ab, auf und ab.

Wir drehten uns um, und auf dem asphaltierten Stückchen Weg hinter uns, der wenige Meter weiter als Sackgasse endete, fuhr eine kleine, junge Frau mit Kopftuch ganz allein auf einem rostigen Klapprad auf und ab. Auf und ab. Immer bis zum Ende des Weges und zurück. Der Sattel quietschte und war scheinbar zu hart, sie hatte sich darauf mit einem Gummiband ein Kissen festgebunden und statt in die Pedalen zu treten, stieß sie sich einfach rechts und links im Wechsel mit den Fußspitzen vom Boden ab, den sie trotz der niedrigen Höhe des Klapprades mit ihren kurzen Beinen nur so gerade eben erreichen konnte. Beschwerlich kam sie vorwärts.

Die ganze Situation war einfach so absurd, ich konnte nicht an mich halten, wie immer, wenn mir ein dämlicher Witz auf den Lippen brennt – ich schaute Kristin an und grinste: „Was für ein schöner Tag für eine ausgiebige Radtour, oder?“

Wir lachten.

Aber irgendwie zog uns der Wille dieser Frau an.

Sie war angespannt und ängstlich, und doch ließ sie sich nicht von ihrem Vorhaben abbringen, sich irgendwie mit ihrem alten, quietschenden Klapprad auf diesem verlassenen Stückchen Weg fortzubewegen.

Sie hielt auf unserer Höhe und lächelte. Hob gleichzeitig die Hände, als wolle sie sagen, sie kann es nicht besser, es täte ihr leid, sie versuche es trotzdem, irgendwie ist ihr diese Art der Fortbewegung nicht geheuer – aber die Worte wollten ihr nicht über die Lippen.

Ich rief: „Sollen wir helfen?“ und bevor wir uns über die Art der Verständigung Gedanken machen konnten, sprangen Kristin und ich synchron auf, liefen zu ihr, stellten uns rechts und links des Rades – eine Hand am Lenker, eine am Gepäckträger – und rannten mit ihr samt Rad los.

Kristin rief im Laufen: „Füße auf die Pedale und treten!“ und unsere mutige Fahranfängerin fasste sich ein Herz, vertraute zwei wildfremden Menschen, verließ mit den Fußspitzen den sicheren Asphalt und strampelte los.

Sie zitterte, wankte hin und her, aber sie strampelte und jauchzte vergnügt, alles zugleich.

Überwältigt von diesem klitzekleinen Moment des Erfolgs feuerten wir sie für ein paar weitere Pedaltritte an:
„Weitertreten, weiter, weiter!“
„Super, nicht aufhören!“
„Toll, toll!“

So schafften wir erst fünf Meter, dann zehn, dann zwanzig. Ihr fiel es noch sichtlich schwer, das Gleichgewicht zu halten, sie zitterte, war aufgeregt und erbat sich nach jedem erkämpften gefahrenen Stückchen eine Pause – um es danach gleich wieder erneut zu versuchen. Nochmal, nochmal, deutete sie uns, und wir packten wieder an und rannten mit ihr samt Rad jubelnd und anfeuernd los.

Am Wegesrand tauchte ein älterer Mann auf, bestückt mit Picknickutensilien und staunte ob der Fortschritte, und unsere Radfahrerin Fatima, mit der wir uns mittlerweile ganz gut verständigen konnten, stellte uns ihren Mann vor. Wie selbstverständlich setzten wir zusammen auf unsere Decke; Fatima und Kalil, so hieß ihr Mann, boten uns warmen Tee und Obst an, und wir unterhielten über dies und das.

Fatima erzählte uns, dass sie erst seit zwei Tagen Fahrradfahren lernt – und das mit 53 Jahren! Die man ihr im übrigen nicht ein bisschen ansah.
Wir staunten. Kristin als passionierte Radfahrerin konnte sich ihren Berliner Alltag ohne Rad nicht vorstellen. Ich dachte an meine Mutter, die auch erst im Erwachsenenalter hier in Deutschland Rad fahren lernen wollte, weil es in ihrer Heimat nicht üblich war. Sie hat es hat leider nie geschafft – weil es eben als Erwachsener ungleich schwerer ist, keine Angst vorm Hinfallen zu haben und sich einfach zu trauen, loszulassen und das Ungewohnte zu wagen.

Mit der gleichen Furchtlosigkeit, mit der sie Rad fuhr, sprach Fatima übrigens mit uns Deutsch – manchmal fehlten ihr die Worte, sie verhaspelte sich oder rang mit der verfluchten Grammatik. Aber sie ließ nicht locker, sie versuchte es weiter, wir reimten uns problemlos den Sinn zusammen, denn ihre Deutschkenntnisse waren wirklich gut.

Fatima fragte mich trotzdem nach jedem Satz ungläubig:
„Du verstehst mich? Du verstehst mich?“
„Ich verstehe dich!“
„Du? Verstehst? Mich?“
Ich reckte beide Daumen in die Luft, um ihr zu zeigen, wie beeindruckt wir von ihren Deutschkenntnissen waren und uns insgeheim ein bisschen schämten, dass uns im Gegenzug nur ein einziges arabisches Wort einfiel.
„Ja, ich verstehe dich!“
Und sie seufzte, lächelte selig und konnte es nicht fassen.


Fatima und Kalil kamen vor gut einem Jahr aus Syrien nach Berlin.
Fatima war in Syrien Lehrerin für Arabisch an einer weiterführenden Schule, Kalil für Mathematik.
Sie haben fünf Kinder.
Der jüngste ist fünfzehn Jahre alt, wohnt bei ihnen und besucht eine deutsche Schule.
Die beiden ältesten Söhne sind schon vor über zehn Jahren nach Berlin gekommen, um zu studieren, Medizin und Maschinenbau. Beide haben ihr Studium beendet und sich in der Stadt niedergelassen.

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Ich habe lange überlegt, warum diese Geschichte mir nicht mehr aus dem Kopf will, warum sie mich so beschäftigt, warum sie unbedingt aufgeschrieben werden wollte.

Dieser Text soll keinen Standpunkt in der aktuellen Flüchtlingsdebatte verteidigen und auch keine Partei ergreifen in einer Diskussion, in der immer öfter Antworten in einem diffusen Grau verschwimmen, anstatt klar schwarz oder weiß zu sein. Er ist wahrscheinlich auch keine rührige Flüchtlingsgeschichte, denn die Details des Weges von Fatima und Kalil nach Deutschland waren kein Thema bei unserem gemütlichen Spontan-Picknick. Sie sind weder in einem LKW eingesperrt gewesen noch haben sie in einem überfüllten Schlauchboot das Mittelmeer durchquert, denn kurz erzählten sie uns, dass sie aus Istanbul direkt nach Berlin geflogen seien. Mehr nicht.

Polemische Stellungnahmen gibt es außerdem schon genug – und ich bin der öffentlichen Bekenntnisse zu Pro oder Contra eh langsam müde. Gutmenschen, Schlechtmenschen, Schauspieler, Politiker, Brandstifter, Beifallklatscher, wer weiß überhaupt noch, was das Richtige ist?

Eins steht jedenfalls fest: Viele Menschen sind auf dem Weg, sie werden kommen, und der Strom lässt sich nicht mehr aufhalten. Viele werden so stark und unerbittlich sein wie Fatima auf ihrem Klapprad. Viele bringen ihre Kinder, mit der Hoffnung auf eine gute Ausbildung, ein besseres Leben, ein sicheres Leben.

Unsere Gesellschaft darf dieses Potenzial nicht wegschieben.

Im Gegenteil.

Öffnet die Tore.

Machen wir was draus.

#refugeeswelcome




















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