17. September 2013

Gaumenfreuden.

Das Bordangebot wird immer schmaler - kein Grund, nicht doch den ein oder anderen Sonderwunsch anzubringen.

Wir servieren heute: Ein pappiges Käsesandwich.

Ich: "Would you like a cheese sandwich?"
Indischer Pax (da klingeln dem interkulturell bewanderten Dienstleister schon die Ohren): "I'd like something vegetarian."
Aha. Forderung statt Frage. Nun gut.
Ich: "It's a cheese sandwich."
Indischer Pax: "No, but I'd like something vegetarian. Does it contain eggs?"
Ich halte die Plastikpackung mit dem Sandwich in der Hand, deren aufgeklebter Zutatenzettel so viele E-Nummern enthält, dass unsere Sandwiche eigentlich im Dunkeln leuchten müssten. Von frischer Küche keine Spur. Von veganer Küche erst recht nicht.
Ich: "It's vegetarian, but it's not vegan. It contains eggs and dairy products." Kann zwar vor lauter E's auf der Packung nichts erkennen, aber das sollte hinkommen.
Pax: "But it contains eggs, then I can't have it. I want something vegetarian. Can you arrange us a vegetarian option?"
Mein Freund, ich arrangier' Dir gleich was ganz anderes.

Nach einer kurzen Einführung in die Welt unserer Special Meals und dem dezenten Hinweis, dass er sich das mit seinem hinterhergeschmissenem Billigticket sowieso schenken könne, gingen wir friedlich auseinander und mit einem fröhlich geflötetem "Thank you, it was a very nice flight!" verließ mein heutiger Lieblingspax zusammen mit seiner nicht minder sympathischen indischen Entourage unser Schiff und zog von dannen.

Tja - und die Moral von der Geschichte?
Offensichtlich essen indische Vegetarier keine Eier. 
Ich brauche nochmal eine Nachschulung in der interkulturellen Kommunikation bezüglich des Unterschiedes zwischen vegan und vegetarisch.
Der Inder an sich ist nicht mein Lieblingsgast.
Die freudige Becker-Faust am Zielort erst ansetzen, wenn der Bus abgefahren ist.

Und vor allem muss ich unbedingt in Urlaub, wenn mir am Ende des Tages nur noch so ein Mist im Gedächtnis bleibt.

16. Juli 2013

Der Stern fragt - Schinken oder Käse? antwortet.

Da sitze ich doch heute im Flieger nach Hause und blättere durch den neuen Stern. Und siehe da - ein doppelseitiges Interview mit einer Kollegin vom fliegenden Personal. Schon skurril - mehrere tausend Menschen in Deutschland üben unseren Beruf aus, jedes Kind weiß, was ein Flugbegleiter macht und von einer aussergewöhnlichen Tätigkeit sind wir meilenweit entfernt. Trotzdem ist es dem Stern ein großes Interview wert, mal die Gedanken einer Flugbegleiterin zu durchleuchten. Nun ja, so viele Flugbegleiter es in unseren Breitengraden auch gibt - so unterschiedlich können die Meinungen zu unserem Beruf auch ausfallen. Höchst interessant, wie man einen Beruf teilt, sich ansonsten aber an zwei weitmöglichst entfernten Enden eines Koordinatensystems bewegt.

Denn so wäre das Stern-Interview verlaufen, hätte man Frau Schinken oder Käse? gefragt (und die Redaktion hätte vor lauter Verzweiflung ob fehlender brisanter Enthüllungen und Horrorstories und zu legerer Ausdrucksweise des Interviewpartners die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und das Interview schön in die Tonne gekloppt):
Fett die Original-Fragen des Sterns. Kursiv die Zusammenfassung der eigentlichen Antworten.

Stern: "Frau Schinken oder Käse?, bitte einmal ehrlich, nervt es Sie eigentlich, dass niemand mehr bei Ihren Sicherheitshinweisen vor dem Start hinschaut?"
Kollegin "nervt es total und möchte jedem Zeitungsleser die Zeitung aus der Hand schlagen".
Schinken oder Käse?: "Null. Die meisten unserer Paxe sind Vielflieger und bei der heutigen Easy-Jet-Setterei-Mentalität kann man davon ausgehen, dass die Zahl der Erstflieger gen Null tendiert. Jeder hat schon mal eine Safety Demo gesehen - und mal ehrlich, wenn jemand drei Mal die Woche fliegt, gehe ich einfach davon aus, dass er genug Grips und Erinnerungsvermögen in der Birne hat, um nicht bei jedem Flug gebannt auf die Sicherheitshinweise achten zu müssen. Ausserdem hat jeder (gut, die meisten) unserer Gäste ein funktionierendes Gehirn mit eingebautem Überlebenswillen, das soll ja in Notsituationen auch schon mal ganz nützlich sein. Wir befördern Menschen, keine Schafe."

Stern: "Wann hat das angefangen, dass die Leute nicht mehr hingeguckt haben?"
SoK: "Seitdem Hinz und Kunz für 19€ am Wochenende durch Europa reisen."

Stern: "Was helfen mir die Sicherheitshinweise, wenn ein Flugzeug abstürzt?"
SoK: "Bei vielen fatalen Abstürzen wie z.B. dem der Air France über dem Atlantik: Nüscht. Da isses dann auch egal, ob Sie wissen, wo der Notausgang ist, wenn der Flieger in 200 Millionen Einzelteile pulverisiert wird. Ansonsten: es sind gute Tipps und es schärft vielleicht ein wenig die Sinne, um im beherrschbarem Notfall sich doch noch selbst und anderen helfen zu können."

Stern: "Thema Handys. Glauben Sie wirklich, dass die Leute ihre Smartphones auf Flugmodus schalten?"
SoK: "Glauben Sie an den Weihnachtsmann?"

Stern: "Sobald das Flugzeug gelandet ist, springen immer alle auf. Nervt Sie das auch?"
SoK: "Ach, lass se doch. Wenn ich sage, sitzenbleiben, und wider unseren Anweisungen legt sich doch mal einer lang, weil während des Rollens sich der Kapitän zu ner Vollbremsung wegen was auch immer entscheidet - ja, mei, dann kann ich auch nix ändern. Selbst schuld halt. Bin doch kein Kindermädchen."

Stern: "Wer klatscht noch nach der Landung?" 
SoK: "Unter den Paxen: Niemand. Sonst: manchmal ich. Und stifte noch Kollegen an. Die irritierten Blicke der Paxe sind unbezahlbar. Die klatschen dann aber auch mit, aus Spass an der Freude. Unser Cockpit fühlt sich geschmeichelt und alle sind glücklich."
Bei der Kollegin klatschen wohl viele Griechen.

Stern: "Wieso haben Griechen Angst vorm Fliegen?"
SoK: "Vielleicht ist die Olympic (Airways, Amn.) so grottig. Oder aber wegen der griechischen Mythologie. Ikarus und so. Ach, was weiß ich."

Stern: "Wo sitzt man am besten?"
SoK: "Aufm Cockpit-Jump. Freie Sicht nach vorne, keine Menschenmassen und mit Glück zwei geile Typen als Reisebegleitung."

Stern: "Wie kriegt man diese Plätze?"
SoK: "Als Fussgänger bzw. Nicht-Airliner: Schlafen Sie mit dem Kapitän."

Stern: "Lassen Sie uns mal über Beinfreiheit in der Economy sprechen."
SoK: "Und dann?"

Stern: "Sitzt man besser am Fenster oder am Gang?"
SoK: "Das wird ja jetzt voll der Expertentalk hier. Was meinen Sie denn??? Mit ner schwachen Blase auf jeden Fall am Fenster, oder was soll ich jetzt hier empfehlen??? Ts."

Stern: "Welche Toilette sollte man nehmen?"
SoK: "Wenn's nach mir geht: Gar keine. Darum."

Stern: "Wie schmuggelt man am besten übergroßes Handgepäck ins Flugzeug?"
SoK: "Ich bin doch nicht so bescheuert und gebe Ihnen Tipps, die mir selbst das Leben schwer machen!?! Aber Flirten hilft immer. Flirten Sie, was das Zeug hält, fragen Sie nett und wenn alles nix hilft, stecken sie der Düse diskret nen Fuffi zu." (So, war jetzt n ganz uneigennütziger Tipp. Möchte mal sehen, wie viele Paxe den Stern lesen, brauche nämlich noch Taschengeld für den nächsten Urlaub.)

Stern: "Warum trinkt man in Flugzeugen so gerne Tomatensaft?"
SoK: "Oaaah neee. Nicht die Nummer schon wieder. Hammse nich mal neuere Fragen??"

Stern: "Das Bier ist meistens auch schnell alle."
SoK überlegt gerade, ob sie wirklich den richtigen Beruf gewählt hat. Wenn schon Journalisten nur solche stumpfsinnigen Fragen zu ihrem Job einfallen.

Stern: "Warum nehmen Sie denn so wenig Bier mit?"
SoK (rollt mit den Augen): "Es gibt halt kein Bier auf Hawaii."

Stern: "Auf der Langstrecke trinken doch alle, um das zu überstehen, oder?"
SoK (total entrüstet): "Also wie jetzt??? Das halte ich für eine infame Unterstellung, ja!!! Wir sind doch keine Alkoholiker!?! Gut, ein, zwei, drei, vier, fünf Gläschen After Landing hier und da, und mal nen Schnaps an der Hotelbar, das macht einen ja wohl noch lange nicht zum Al... Oh. Ach so. Sie meinen die Paxe. Oh. Ähm. Ja."

Stern: "Mit wem fliegen Sie am liebsten?"
SoK: "Mit dem gutaussehenden spanischen Co, der ist voll süß und trägt mir immer den Koffer."

Stern: "Wer ist sympathischer, Passagiere aus der Economy oder aus der Business?"
SoK: "Je teurer das Ticket, desto unprätentiöser die Leute. Is so."

Stern: "Sie müssen immer lächeln."
SoK: "Wo haben Sie das denn her?? Ich lächle immer noch, wann ICH will. Ausserdem ist dieses Dauergegrinse total unecht und lässt einen so richtig schön dämlich wirken. Wollen Sie etwa ne dümmliche Düse auf Ihrem Flug??"

Stern: "Schon mal ausgerastet?"
SoK: "Nee. Aber eingeschlafen."

Stern: "Die Stimmung schaukelt sich schnell hoch auf Flügen?"
SoK: "Find ich jetzt nich so. Irgendwann weiß man, was man zu tun hat, um einen Flieger voll mit Paxen im Griff zu haben. Aber die Tricks sind geheim. Oder nachzulesen in jedem drittklassigen Crowd-Management-Ratgeber."

Stern: "Wer kauft noch duty-free?"
SoK: "Das frage ich mich auch immer."

Stern: "Hatten Sie schon viele Prominente auf Ihren Flügen?"
SoK: "Ja. Viele. Weniger bekannte und wirklich richtig bekannte Persönlichkeiten aus allen Bereichen."
Kollegin berichtet von Costa Cordalis, Jürgen Drews, Rainer Calmund, der Business fliegt, seine Familie aber in der Eco und der in der Business tatsächlich auf einen einzigen Sitz passt, zum Erstaunen der gesamten Crew, und Stefan Effenberg, der eigentlich nett war, aber dann doch nicht, weil er ein Twix mit einem Fuffi bezahlen wollte, sie es ihm dann schenken wollte, er aber dann doch Kleingeld... und so weiter.
SoK: "Und wir sind diskret. Und reden nicht öffentlich über unsere Gäste, nicht positiv, nicht negativ, nichts."

Stern: "Gibt es den Mile High Club wirklich? Paare, die über den Wolken Sex haben wollen?"
SoK: "Naja, wer's mag. Muss aber schon Business oder First sein, ansonsten wird's echt eng, ne. Beinfreiheit und so. Oder sie angeln sich ne Kontorsionistin."

Stern: "Mussten Sie schon viele Anmachen ertragen?"
SoK: "Die Frage impliziert ja, als wären alle Anmachen an Bord von schlimmen Gestalten. Naja. Ertragen finde ich hier falsch. Und im Hinblick auf unsere doch im großen und ganzen höflichen und netten Vielflieger wird man doch wirklich gerne angesprochen. Zum anderen wird man gar nicht so oft angemacht, wie alle denken (und nein, das liegt nicht daran, dass ich wie ne Vogelscheuche zum Dienst gehe) - Paxe sind nämlich voll schüchtern bei uns."

Stern: "Wie häufig sind Affären zwischen Stewardess und Pilot?"
SoK: "Das schon wieder. Neeee, das gibt es nicht. Auf gar keinen Fall. Ja, was meinen Sie denn??!"

Stern: "Ärgert es Sie, dass Stewardessen Saftschubsen genannt werden?"
SoK: "Mir doch egal. Wer von uns darüber nicht auch mal lachen kann, der hat's eh schwer. Allerdings sollten Sie mich an Bord nicht so nennen. Da ist es nämlich nicht eine Frage des Humors, sondern des allgemeinen Respekts. Und Sie wollen nicht wissen, wie eine Düse ausrasten kann, wenn sie sich nicht respektiert fühlt. Denken Sie immer daran: Wir haben eine Nahkampfausbildung."

Stern: "Wenn Sie in den Urlaub fliegen, was fliegen Sie dann?"
SoK: "Ich fliege gar nix, bin doch kein Pilot. Halloo? Ts."


Das Original-Interview ist nachzulesen im aktuellen Stern, Nr.29.


26. April 2013

Eine Flugbegleiterin packt aus - jetzt mal so richtig!


Neulich war ich im Buchladen auf der Suche nach leichter Lektüre für unterwegs, und ich meine wirklich sehr leichte Lektüre, denn wenn ich nach einem 11-Stunden-Tag am Gate sitze und auf den Flieger nach Hause warte, passt nicht mehr wirklich viel in den abgeflogenen, sauerstoffunterversorgten Schädel. Irgendwie blieb ich in einer Abteilung hängen, bei der ich mich gefragt habe, ob es diese eigentlich schon immer gab oder ob sie einfach unseren Zeitgeist widerspiegelt: die Comedy-Abteilung. Jeder Comedian nutzt scheinbar sein Bühnenprogramm zur Zweitverwertung, daneben SMS-/Mail-/Sprüchesammlungen , die entweder von findigen „Autoren“ zusammengetragen oder einfach von eigens zu diesem Zweck gegründeten Facebook-Seiten abgeschrieben wurden. Naja, ich wollte ja was Leichtes. Aber nur Sprüche lesen... auch doof. Da fiel mein Augenmerk auf ein scheinbar ebenfalls neues, eigenes Untergenre: Lustige Erfahrungsberichte von Betroffenen über gewöhnliche Berufe. Ein Buch nach dem anderen sprang mir plötzlich ins Auge: Da gab es Lebensbeichten und schonungslose Abrechnungen über ihren verkommenen Beruf von Frauenärztinnen, verzweifelten Grundschullehrern , Sozialarbeitern, studentischen Supermarktkassiererinnen, polnischen Putzfrauen, Sicherheitspersonal am Flughafen (oh, interessant) und ja: Flugbegleitern (noch interessanter!).
Berufe-Bücher sind der neue Trend. Und die Tatsache, dass auch Flugbegleiter über unseren Beruf mal so richtig ausgepackt haben, ließ mich an so manche Situation an Bord nachdenken. Stimmt eigentlich, wie oft stand ich schon mit Kollegen schallend lachend in der Galley und wir waren uns einig: „Wenn wir zur Rente hiermit durch sind, können wir ein Buch schreiben. Ach nein, mehrere Bücher!“

Also stöberte ich im Buchladen durch die Comedy-Abteilung, Unterkategorie „Berufe“,  Fachgebiet „Flugbegleiter“. Und was soll ich sagen? Ich hatte einen großen Moment der absoluten Erkenntnis, eine Eingebung – ja, die totale Erleuchtung:



Mein Beruf ist sterbenslangweilig.



Zumindest, wenn man ein ganzes Buch darüber schreibt. Es ist ja nicht so, als wäre ich schon das ein oder andere Mal darauf angesprochen worden, ob ich nicht auch vielleicht und so mit Buch und eventuell und überhaupt... Gut, wer würde sich da nicht über die Bauchpinselei freuen, aber letztendlich habe ich mich jedes Mal gefragt: Was soll man denn da bloß schreiben? Richtig, es gibt amüsante und außergewöhnliche Begegnungen, wie die Momentaufnahmen hier im Blog zeigen. Nur jetzt mal ehrlich, wäre mein Berufsalltag wirklich 24 Stunden am Tag so unfassbar aufregend und würde an jeder Ecke der nächste Pax mit der nächsten nervtötenden Begebenheit lauern, hätte ich schon längst gekündigt, weil mein armes Herz vor lauter Aufregung zu jedem Dienstbeginn schon dreieinhalbfache Rittberger mit eingesprungenem Salchow durch meinen Brustkorb gehüpft wäre. Nein, in Wahrheit ist unser Beruf so ereignislos wie der einer Frauenärztin, eines Grundschullehrers, einer studentischen Supermarktkassiererin oder einer polnischen Putzfrau eben auch.



Oder ist es in unserem Beruf etwa airlinespezifisch – vielleicht passiert woanders einfach mehr? Zwischenlandungen wegen alkoholisierten und gewalttätigen Paxen mit anschließender Erstürmung des Fliegers durch die Bundespolizei und Abführen des Übeltäters in Handschellen und Fußfessel, randalierende Schulklassen, Opis, die ihre Griffel nicht bei sich halten können, Paxe, die in die Galley urinieren, weil sie nicht zwei Minuten auf ein freies Klo warten können... alles schon mal angeblich an Bord passiert und von wissenden Flugbegleitern berichtet. Zieht man die Wahrscheinlichkeitsrechnung zu Hilfe, müsste ich mit meiner Berufszugehörigkeit wenigstens einem dieser Ereignisse oder einem ähnlichen persönlich beigewohnt haben – aber nichts davon habe ich je erlebt. Null. Nada. Die Gäste, denen ich an Bord begegne, ziehen es dann doch vor, in der Abgeschiedenheit der Bordtoilette ohne Publikum ihre Blase zu entleeren. Naja, okay, Bundespolizei an Bord... die habe ich dann doch das ein oder andere Mal im Transit gesichtet – auf der Suche nach einem Stückchen Bordschokolade für die nächste Kaffeepause.