9. August 2012

Von der Amöbe zum VIP.

Vom Pech verfolgt: Kaum ist der eben verschwundene Koffer wieder aufgetaucht und hat wieder erfolgreich seine Arbeit aufgenommen, ist er auch schon kaputt. Eine Rolle inklusive Radkasten ist lädiert und unbrauchbar dank kraftstrotzender Loader, die Hunderte von Malen meinen Mädchenkoffer quer durchs Cargo Compartment geworfen haben. Das hält irgendwann auch der tollste Koffer nicht mehr aus.
Nun gut. Anruf bei der Gepäck-Kaputt-Hotline. (Die im übrigen erst im dritten Anlauf überhaupt erreichbar war.) Kann ja alles so schwer nicht sein. Anrufen, Koffer abholen lassen, Reparatur und wieder zurück. Drei Tage max.
Und was höre ich von der überaus charmant-lieblich-reizend-geduldigen widerborstigen Telefondame?
"Ja, frühestens können wir den Koffer in fünf Tagen abholen. Zwischen 9 und 17 Uhr kommt der Fahrer."
"Genauer geht's nicht?"
"Nö. Sie können den Koffer aber auch selbst zur nächsten Postfiliale bringen, dazu schicke ich Ihnen dann erstmal per Post den Paketaufkleber."
Gut, dachte ich mir, tagelang auf den Aufkleber warten ist immerhin besser als einen kompletten Tag auf das Erscheinen des Paketdienstes zu warten.
"Wie lange dauert denn die Reparatur?"
"So bis zu 14 Werktage. Ist halt so."
"Das geht ja gar nicht!!!"
"Warum? Brauchen Sie den Koffer dringend?"
"Ähem. Ich bin Flugbegleiterin."
(sauer) "Ja, das hätten Sie mal gleich sagen sollen. Also alles nochmal von vorne!"
Sie nimmt nochmal alle Daten auf und dann höre ich folgendes:
"Der Fahrer ist dann in 25 Minuten bei Ihnen."

In drei Sekunden vom Amöben- zum VIP-Treatment. Mich freut's natürlich. Aber erschreckend ist es schon.



26. Juli 2012

Beschwerdemanagement.

Nichts geht gegen das Beschwerdemanagement unserer Firma. Der Eifer, mit jeder noch so popeligen Beschwerde nachgegangen wird, ist beeindruckend.
Und so rief mich heute ein Herr der neudeutsch genannten Customer-irgendwas-Abteilung an: er hätte da eine Frage zu einem Flug, auf dem ich geplant gewesen war, und er befragt gerade die gesamte Crew. Ein Gast würde Regressansprüche gegen unsere Firma stellen, und er würde mich gerne zu den Vorkommnissen befragen. Nicht, dass solche Anrufe der Firma Alltag wären. Die bekommt man so ziemlich: nie. Ich schielte schon nach der Flasche Klosterfrau Melissengeist, die für nervenaufreibende Tage in der Küche parat steht - hatte sich jemand auf einem meiner Flüge lebensgefährlich verletzt, ist die Treppe runtergefallen, von einem Rollkoffer im Bin erschlagen worden und ich habe es nicht gemerkt? Herr im Himmel.

Also gut. Klosterfrau griffbereit.

Die Geschichte ging kurz gefasst so: Pax beißt herzhaft in ein Stück Kirschkuchen. Aber auch auf einen Kirschkern, der sich darin fieserweise versteckt hat. Und dann: Krone kaputt. Und die Crew hätte das Leid des Gastes vollkommen ignoriert. Jetzt soll unsere Firma die Zahnarztrechnung begleichen - wenn wir schon weder erste Hilfe leisten noch Kuchen ohne Kirschkerne backen konnten.

Ich hatte Mühe, die Fassung zu wahren. Es gab nämlich keinen Kirschkuchen. Es gibt auf besagter, ellenlanger 25-minütigen Strecke an von uns servierten kulinarischen Köstlichkeiten nur genau dies:

Nüscht.

Was soll ich sagen? Ich liebe meinen Beruf. Die unkontrollierbaren Lachanfälle, die mir manchmal beschert werden, sind Gold wert. Und Lachen ist ja bekanntlich gesund.


31. März 2012

Generationenwechsel.

Eine halbe Ewigkeit ist es her, dass ich plötzlich Düse wurde. Ich war unglaublich jung, und die Welt, die sich mir eröffnete, genauso unglaublich spannend. Aufgeregt lauschte ich dienstälteren Kollegen, die immer von “damals” schwärmten. “Damals” auf anderen Flugzeugmustern; “damals”, als der Zusammenhalt innerhalb der Kollegen noch viel besser war; “damals”, als man noch alle Vorgesetzten persönlich kannte und duzte... Damals war einfach alles besser.

Im Laufe der Zeit wich die Faszination der Geschichten von Kollegen meinen eigenen Erfahrungen – und ich habe mittlerweile selbst ein eigenes Repetoire an Fliegergeschichten auf Lager. Das war mir allerdings nie bewusst, bis vor kurzem fühlte ich mich immer noch als das Nesthäkchen von damals, das von den älteren Kollegen unter die Fittiche genommen werden musste, damit es nicht unter die Räder kam - bis zu dem Tag, als ich plötzlich auf eine neue 18jährige Kollegin traf, die seit ein paar Monaten flog .

Ich erzählte ihr, dass ich an unserer Destination noch nie übernachtet hätte – was bei ihr totales Unverständnis auslöste. In einem lauten Ton der Verwunderung, den so enthemmt wohl nur Teenager äußern können, hielt sie mir entgegen: “Waa-haaas?? Du hast da noch niiiiiiieeee übernachtet? Nee, ne? Krass!” Ich sagte ihr, dass das ja durchaus vorkommen könnte, schließlich haben wir so viele Ziele, da gehen manche Sachen einfach an einem vorbei. Ihr Entsetzen war dennoch ungebrochen: “Ja trotzdem... ich hab' diesen Dienst ja dau-ernd! Ich bin da nuu-huuur!” Dauernd meinte in diesem Fall die drei Monate, die sie schon flog.

An diesem Tag gab ich dann zu ihrer Erheiterung noch ein paar Geschichten von damals zum Besten – damals, als der 11. September noch ein Tag wie jeder andere war; damals, als die Sicherheitskontrollen für Crews noch darin bestanden, den Kollegen vom damaligen BGS nur fröhlich zuzuwinken und damals, als überhaupt alles besser war.

Später allerdings, abends im Hotelzimmer, dachte ich wieder an meine Anfänge, als sich drei abgeflogene Dienstpläne noch wie eine Ewigkeit anfühlten – und ich wusste, dass ich von nun an nie wieder ein Crew-Nesthäkchen sein würde.