5. April 2011

Die Qual der Wahl.

Der Gast ist König und soll sich an Bord so wohl wie nur möglich fühlen. Und wir Düsen sind ein entscheidender Faktor. Wird uns zumindest immer eingetrichtert. Wir können alle Widrigkeiten jeder noch so vergeigten Reise wieder gerade biegen - zwei Stunden Warten an der Sicherheitskontrolle, verpasste Anschlussflüge durch schlechtes Wetter oder unwirsches Check-In-Personal: Wir kommen dem Pax am nächsten, haben ihn am längsten in unserer Obhut und können durch unser überaus charmantes Wesen und diplomatisches Geschick dafür sorgen, jeden noch so ungehaltenen und unzufriedenen Gast innerhalb nur eines Fluges zum absolut begeisterten Fan unserer Firma zu wandeln. Sagt unsere Firma.

Tatsächlich lernt man mit der Zeit, bestimmte Bedürfnisse von Paxen von vornherein auszumachen. Und das klappt manchmal so gut, dass ich finde, dass meine hellseherischen Fähigkeiten denen eines Astro-TV-Moderators in nichts nachstehen. Leider bin ich noch dabei, dieses Talent zu perfektionieren - so kann ich unseren Paxen noch nicht alles abnehmen. Die Auswahl zwischen Schinken und Käse, zum Beispiel. Oder die Getränkeauswahl. Oder Hilfestellung bei der Frage "Greife ich nun beherzt zu und nehme mir eine Schokolade aus dem Korb oder nicht? Oder doch? Hach.".

Da ergeben sich gehaltvolle Dialoge:
- Ich: "Möchten Sie etwas trinken?"
- Pax (mit verstörtem Gesichtsausdruck): "..."
Komplette Überforderung ob der unerwarteten Auswahl.
("Sollte mir als Gast nicht jeder Wunsch von den Lippen abgelesen werden? Muss ich mir überhaupt etwas aussuchen? Sollte die Düse nicht sowieso für mich entscheiden, ob ich Hunger oder Durst habe? Die machen doch immer Werbung mit ihrem tollen Service, der keine Wünsche offen lässt. Also echt, Deutschland ist ja wohl immer noch eine Servicewüste, da können die hier sagen, was die wollen.")

Ich gehe ja eigentlich nicht mit dem Satz konform, den ich öfter höre: "Dein Beruf ersetzt ja ein ganzes Soziologiestudium! Du kannst ja jeden Tag Verhaltensforschung betreiben und Leute beobachten!" - da gehört dann doch mehr dazu. Obwohl...

Manchmal fühle ich mich sogar tatsächlich ein bisschen wie Heinz Sielmann, wenn ich um die Ecke aus der Galley in die Kabine schiele und einfach beobachte, was passiert:

Der Pax in freier Wildbahn.

Aber das ist eine andere Geschichte. Bald wieder hier in diesem Theater.

Kommentare:

  1. Da kann ich mitfühlen.
    Ist sicher nur manchmal lustig. Kann bestimmt auch richtig nervig werden;-)

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  2. Ich nehm Schinken mit Käse überbacken.

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  3. Endlich geht es hier weiter... hoffe ich zumindest. Habe Deine spitzzüngigen Anekdoten aus der Luft vermisst.

    Weiter so!

    Gruss und Kuss der Julius

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  4. Schliesse mich an - schön, dass es hier weitergeht. :-)

    Mal spitzzüngig aus Pax-Sicht zurückgeschossen (für die Leute in der Firma, die die SOPs machen): Eine Liste von Informationen, die mich *nicht* interessieren:

    1. Name des Kapitäns
    2. Reiseflughöhe
    3. Aussentemperatur in Reiseflughöhe
    4. Ort, an dem ich gerade gelandet bin (bekannt)

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