11. Juli 2011

Völkerwanderung.

Die Einführung eines neuen Flugzeugmusters ist für jede Fluggesellschaft eine aufregende Zeit. Andere Arbeitsumgebung, andere Verfahren, und ein bißchen fühlt man sich wieder wie am ersten Arbeitstag nach dem Flugbegleiterkurs. Solche Einführungen sind immer begleitet von Marketing-Offensiven der Geschäftsführung. Das neue Muster ist immer größer, schöner, neuer, toller und bombastischer als alles bisher Dagewesene. Das hört man dann so lange, bis man selbst dran glaubt. Und mal ganz objektiv betrachtet: Schlimm ist das neue Flugzeug wirklich nicht. (Da hatten wir schon ganz andere Pappenheimer.) Aber - es geht nicht ohne "aber" - der Teufel steckt im Detail.

Das neue Flugzeug ist in der Tat ein Platzwunder. Handgepäckstücke in Kleiderschrankgröße verschwinden auf wundersame Weise, und niemand muss mehr den Flug in zusammengefalteter Körperhaltung mit am Kinn klebenden Knien verbringen. Ein Segen. Zunächst.

Denn hat man am eigenen Sitzplatz schon so viel Freiraum, muss es doch woanders noch viel mehr davon geben, oder? Sonst verbringt der gemeine Pax den ganzen Flug in einer Art meditativen Haltung, damit der drohende klaustrophische Anfall auf Grund der Enge irgendwie abgewendet kann - aber mit der neu gewonnenen Freiheit eröffnen sich jetzt ganz andere Möglichkeiten. Ha! Da wird der Pax zum Abenteurer. Der Entdeckergeist ist geweckt. Und mit dem "Ping" der ausgeschalteten Anschnallzeichen im Flug geht sie los.

Die Völkerwanderung.

Ernsthaft: Auf keinem anderen Flugzeugmuster wird so oft der Weg zur Toilette angetreten.

Ist die Kabine schon so komfortabel, wie komfortabel sind dann erst die Toiletten? Das muss man doch mal direkt überprüfen. Und überhaupt - wie kann man als Gast besser ausdrücken, dass man sich absolut wohlfühlt? Ist doch im richtigen Leben auch so: Fühlt man sich an einem fremden Ort heimisch, geht man dort auch gerne zur Toilette. Die Toilette als Gradmesser der Gastzufriedenheit sozusagen. Der Toilettenbesuch des Gastes als Kompliment für jeden Gastgeber. Eine intime Geste, ein Vertrauensbeweis, der sagen möchte: "Ich mache gerne hier Pipi, weil's so nett und sauber ist."

Dummerweise sind die Toiletten in Flugzeugen immer strategisch ungünstig plaziert, in Galleynähe oder am Ende der Kabine. Und so gerät bei vollbesetztem Flieger der Versuch, unter den vielen Toilettenbesuchern noch den Bordservice durchzuführen, zum Hindernislauf mit Trolley. In Reihe 6 am Getränketrolley stehend, tippt es mich von hinten an die Schulter, noch vom Toilettenduft umweht: "Ich müsste zurück in Reihe 28. Aber machen Sie sich keinen Streß. Ich warte." Genau hinter Ihnen, präzise ausgedrückt. Gehe ich einen Schritt vor in die nächste Reihe, wird hinter mir ebenfalls aufgerückt. Ganz nah, den Atem im Nacken. Aber: "Bloß kein Streß. Ich hab's nicht eilig.". Ich jetzt aber doch. Hatte ich vorher noch fest beschlossen, "Nein, ich harre aus und schiebe jetzt nicht den schweren Wagen den halben Flieger vor und zurück, weil sich jemand unbedingt wieder den ungünstigsten Zeitpunkt zum Pipimachen aussuchen musste!", gebe ich nach und mache Platz - während die nächsten Toilettenbesucher in den Startlöchern stehen. Ist der Service endlich geschafft, geht es dann zum Aufräumen wieder zurück in die Galley, wo jeder Arbeitsschritt von der sich mittlerweile vor der Toilette gebildeten Schlange aufmerksam beäugt wird. Eine Schlange? Richtig. Denn unsere Toiletten sind wirklich beliebt. Woher ich das so genau weiß? Nun ja, der Toilettenbesuch kann sich ja verschieden gestalten - und in der Regel beschränken sich Gäste an Bord (und auch die Crew) nur auf das Nötigste, das zeigt die Erfahrung. Bloß nix anfassen (eh alles dreckig), schon mal gar nicht hinsetzen und vor allem: schnell wieder raus und keine größeren Angelegenheiten. Nicht so in unserem neuen Flugzeug. Mit jedem Öffnen der Toilettentür weht ein neues frisches Lüftchen in der Galley um mich, das mir sagt: Unsere Gäste fühlen sich pupsewohl.

In Zeiten, in denen an allem gespart wird, sollten Fluggesellschaften in Zukunft vielleicht das Augenmerk auf komfortable Toiletten legen. Man könnte doch die Kosten für die Galleyeinrichtung und das Catering sparen (trockene Kekse entlocken keinem Pax mehr Begeisterungstürme) und statt dessen ein paar zusätzliche luxuriöse Toiletten einbauen - das macht Paxe glücklich.

Vielleicht liege ich aber auch falsch - und eine liebe Kollegin hat Recht. Ihre Vermutung ist ja, dass die Kollegen am Abfluggate eine Ansage machen: "Meine Damen und Herren, wir begrüßen Sie zu unserer heutigen Schnitzeljagd. Auf den Toiletten dieses Flugzeuges haben wir zehn Goldbarren für Sie versteckt..."

6. April 2011

Nachgeschlagen.

Im übrigen gibt's jetzt auch ein Schinken-oder-Käse-Nachschlagewerk:

Das kleine Düsen-ABC.

Vorschläge und Begriffe, die noch der Erklärung bedürfen, könnt ihr mir einfach hier in die Kommentare schreiben - die Liste wird ständig erweitert.

5. April 2011

Die Qual der Wahl.

Der Gast ist König und soll sich an Bord so wohl wie nur möglich fühlen. Und wir Düsen sind ein entscheidender Faktor. Wird uns zumindest immer eingetrichtert. Wir können alle Widrigkeiten jeder noch so vergeigten Reise wieder gerade biegen - zwei Stunden Warten an der Sicherheitskontrolle, verpasste Anschlussflüge durch schlechtes Wetter oder unwirsches Check-In-Personal: Wir kommen dem Pax am nächsten, haben ihn am längsten in unserer Obhut und können durch unser überaus charmantes Wesen und diplomatisches Geschick dafür sorgen, jeden noch so ungehaltenen und unzufriedenen Gast innerhalb nur eines Fluges zum absolut begeisterten Fan unserer Firma zu wandeln. Sagt unsere Firma.

Tatsächlich lernt man mit der Zeit, bestimmte Bedürfnisse von Paxen von vornherein auszumachen. Und das klappt manchmal so gut, dass ich finde, dass meine hellseherischen Fähigkeiten denen eines Astro-TV-Moderators in nichts nachstehen. Leider bin ich noch dabei, dieses Talent zu perfektionieren - so kann ich unseren Paxen noch nicht alles abnehmen. Die Auswahl zwischen Schinken und Käse, zum Beispiel. Oder die Getränkeauswahl. Oder Hilfestellung bei der Frage "Greife ich nun beherzt zu und nehme mir eine Schokolade aus dem Korb oder nicht? Oder doch? Hach.".

Da ergeben sich gehaltvolle Dialoge:
- Ich: "Möchten Sie etwas trinken?"
- Pax (mit verstörtem Gesichtsausdruck): "..."
Komplette Überforderung ob der unerwarteten Auswahl.
("Sollte mir als Gast nicht jeder Wunsch von den Lippen abgelesen werden? Muss ich mir überhaupt etwas aussuchen? Sollte die Düse nicht sowieso für mich entscheiden, ob ich Hunger oder Durst habe? Die machen doch immer Werbung mit ihrem tollen Service, der keine Wünsche offen lässt. Also echt, Deutschland ist ja wohl immer noch eine Servicewüste, da können die hier sagen, was die wollen.")

Ich gehe ja eigentlich nicht mit dem Satz konform, den ich öfter höre: "Dein Beruf ersetzt ja ein ganzes Soziologiestudium! Du kannst ja jeden Tag Verhaltensforschung betreiben und Leute beobachten!" - da gehört dann doch mehr dazu. Obwohl...

Manchmal fühle ich mich sogar tatsächlich ein bisschen wie Heinz Sielmann, wenn ich um die Ecke aus der Galley in die Kabine schiele und einfach beobachte, was passiert:

Der Pax in freier Wildbahn.

Aber das ist eine andere Geschichte. Bald wieder hier in diesem Theater.