8. Oktober 2010

Happy Jubiläum to me.

Ich schaue auf den verwelkten Blumenstrauß und werde sentimental. So wie ich immer an Hochzeiten, an Geburtstagen, an Mitternacht bei Silvester und anderen Jahrestagen sentimental werde. Nun feiere ich also Düsenjubiläum. Die Firma hat mir eine Tapferkeitsmedaille für unermüdliches Tablettschleudern geschickt und dazu gab's per Fleurop einen Blumenstrauß – im Grunde eine nette Geste. Der liefernde Blumenladen wurde aber offensichtlich dazu angehalten, das ganze Arrangement in den Firmenfarben zu halten, was bei dieser Jahreszeit und unserem Corporate Design eine floristische Meisterleistung erfordert. Zuviel für meinen vietnamesischen Blumenhändler/Spätkauf/Tante-Emma-Laden an der Ecke. Leider habe ich den wunderbaren Augenblick verpasst, an dem ein kleiner Vietnamese von diesem unsagbar hässlichen Trümmer verdeckt vor meiner Tür stand, denn just einen Tag vorher bin ich auf meinen Umlauf gegangen und konnte den Jubiläumsstrauß gar nicht persönlich entgegennehmen. Aber wie sollte die Firma das auch ahnen.


Nun lassen die ersten Blümchen den Kopf hängen, und ich auch. Dass ich dieses Jubiläum erleben würde, hätte ich bei meiner Einstellung nicht gedacht. So viele Jahre Fliegerei. Zeit für ein Resümee. Was habe ich gelernt? Habe ich überhaupt etwas gelernt?


Spontan denke ich an eine aktuelle Episode – an Bord: Mutter und Vater gesetzteren Alters mit zwei Töchtern, eine im Grundschulalter, eine noch nicht ganz den Windeln entwachsen. Beide Elternteile waren sehr bemüht, aber auch überfordert, und beide Kinder sahen in der anti-autoritären Grundhaltung ihrer spätgebärenden Eltern die Chance, den beiden und uns anderen mal so richtig auf den Keks zu gehen.


Es wunderte mich also nicht mehr, als ich nach dem Verlassen der Parkposition beim Kabinencheck eine auf dem Sitz herumspringende Zweijährige vorfand. (Wer mal im Flieger beim Rollen eine unerwartete Bremsung mitbekommen hat, kann sich ja ausmalen, wie so ein Szenario enden kann: Stolpern, Kinderkopf an Decke/Rückenlehne/Armlehne/Boden – Platzwunde – großes Aua – Notarzt – großes Drama) Naja, soll mir egal sein. Ist ja nicht mein Kind. Da ich mittlerweile nur ungerne an Bord spreche, seitdem ich herausgefunden habe, dass sich der größte Teil der Interaktion mit Paxen mit Hilfe weniger Gesichtsausdrücke und Gesten bestreiten lässt (fragendes Lächeln = „Was möchten Sie trinken?“; beruhigendes Lächeln = „Wir sind gleich durch die Turbulenzen durch!“; erhobener Zeigefinger und Kopfschütteln = „Handy aus!“ usw.), musste auch hier schon der „Sie-müssen-Ihre-Tochter-jetzt-anschnallen“-Blick gepaart mit „Aber-eigentlich-ist-mir-das-sowas-von-egal“ genügen. Scheinbar hatte Mutti schon auf mich gewartet, alleine ist es ihr nämlich nicht gelungen, ihre Tochter anzuschnallen.


„Anna-Leeenaaa, guck' mal, die Stewardess wird schon richtig böse! Du musst Dich jetzt anschnallen, die ist schon richtig sauer! Jawohl!“

(Leider guckt die Stewardess nur sehr teilnahmslos und steht einfach nur abwartend da, weil sie Mutti nicht den Gefallen tun und sie aus ihrer misslichen Lage befreien will. Wer hier einknickt, darf nämlich auch für den Rest des Fluges als Erziehungshilfe dienen. Purer Erfahrungswert.)


Anna-Lena trägt im übrigen auch noch Windeln. Und ich ahne Schlimmes. Nach einigen Jahren an Bord mit Wickelkindern und deren schmerzfreien Eltern bin ich vorgewarnt. Mütter, die ihre Babys mit nacktem Hintern auf freien Sitzen wickeln (Ja, wissen die denn nicht, dass vorher schon fünftausend Hintern diesen Sitz vollgepupst haben? Haben die da kein Ekelgefühl? Oder zumindest eine Wickelunterlage?). Während des Essensservices wohlgemerkt. Der Kreislauf der Ernährung auf anderthalb Quadratmetern sozusagen. Die einen tun's oben rein, während es bei den anderen unten... naja. Auch die Entsorgung der Exkremente sehen diese Sorte Eltern eher unbeschwert. Mir mangelt es da wohl sehr an Natürlichkeit – ich habe mich jedenfalls eines Tages sehr geekelt, als ich plötzlich in meiner Tablett-Einsammel-Trance hochschreckte: Da streckten mir doch Elternhände das Tablett mit oben aufliegender Windel entgegen. Machen die das zu Hause auch so? Windel nach dem Essen auf den Teller und dann: „Danke, Schatz, ich bin satt, kannst den Scheiß wegräumen.“ Jedenfalls war das für mich einer der prägenden Momente für den weiteren Umgang mit Kleinkindern und deren Eltern: Immer darauf achten, wann und wo gewickelt wird, und auf das Schlimmste gefasst sein. (Und bei Bedarf mit weit ausgestrecktem Arm auf die Toilette zeigen: „Da ist auch ein Mülleimer drin. Können Sie da gerne reinwerfen. Und ein Wickeltisch gibt’s da auch. Nur so als Info.“)


Die neue Kollegin, die an besagtem Tag mit Anna-Lena auch an Bord war, hatte diese Lektion noch vor sich. Jedenfalls streckte sie mit dem typischen Flugbegleiter-Müllgreif-Reflex arglos ihre Hand aus, als Anna-Lenas Vati auf sie zukam und gleichzeitig mit der Frage „Kann ich Ihnen das hier geben?“ ein prall gefülltes Windelpäckchen in die flache Hand drückte.