4. August 2010

Applaus, Applaus!

Wir Düsen sind oft eitel und manchmal auch ein bisschen narzisstisch. Und so lese auch ich ab und an ganz selbstverliebt meine eigenen Texte hier in diesem Blog. Gepaart mit meiner Vergesslichkeit ergibt das ein fantastisches Lesevergnügen - ich bin immer selbst erstaunt, was so alles an Bord passiert. Obwohl ich irgendwann mal sogar dabei war. Frühe Anzeichen von Düsen-Alzheimer haben also doch etwas Vorteilhaftes. Es wird nie langweilig.


Jedenfalls las ich nach einem langen, heißen und anstregenden Sommertag an Bord einen Blogpost aus dem Winter – und dachte mit Wehmut zurück. Ich liebe den Sommer, das ist ganz meine Jahreszeit; aber Fliegen ist in dieser Zeit ja noch viel erbärmlicher (sage ich jetzt, aber erinnert mich nochmal im Winter daran, wenn ich wieder übers üble Schneechaos schimpfe). Sowohl als Pax als auch als Düse. Die Sonne brennt, der Vorfeldasphalt kocht und Menschenmassen schieben sich durch Flughäfen und Flieger. Die Nase wird mit olfaktorischen Erlebnissen der Extraklasse verwöhnt, wenn verschwitzte Paxe/Techniker/Cleaner/Kollegen den Flieger betreten und, plötzlich um 20 Grad heruntergekühlt, den Duft von kalten Körperausdünstungen freisetzen. Oder aber die Klimaanlage funktioniert nicht (Fortgeschrittene steigen bei der Erwähnung einer kaputten APU im Sommer erst gar nicht ein – ihr wisst, was ich meine...), und alle dampfen gemeinschaftlich bei 48 Grad Raumtemperatur vor sich hin und warten womöglich noch fröhlich auf den Slot in einer Stunde.


Also, wir halten fest: Schon die Rahmenbedingungen sind grenzwertig und münden in einen erhöhten Stressfaktor, bei Crews und Paxen. Die in dieser Zeit ohnehin speziell sind. Wer ein oder zwei Jahre lang auf seinen Pauschalurlaub gespart hat, der will ja auch was erleben für sein Geld. Jawohl. Und hat eine Erwartungshaltung von hier bis nach Bagdad. So saß ich letztens selbst als Pax in einem Urlaubsflieger, bei dem wohl die Umrüstung auf eine Ölsardinen-Bestuhlung noch anstand, also relativ bequem – was den zwei 19jährigen Mädchen neben mir aber nicht weiter auffiel. Die zwei beschwerten sich lauthals über die Enge - und der Kapitän könnte keine Ansagen und die Düsen wären doof und alt und überhaupt... Ist bei denen im Privatjet bestimmt anders. Aber ob die da auch im Ballermann-Megapark-Jürgen-Drews-Fan-Shirt sitzen dürfen? Man weiß es nicht.


Rätselhaft sind mir auch diese Beifallsstürme nach der Landung. Bei besonders engagiertem Publikum wird sogar mehrfach applaudiert: direkt nach Touchdown, nach der deutschen Verabschiedungsansage, nach der englischen - und da war ich letztens vor Lachen den Tränen nahe: zusätzlich noch bei Erreichen der Parkposition. Nun, keine einfache Aufgabe für die Jungs vorne im Cockpit – nachdem Tonnen an Metall, Paxen und Koffern sicher zu Boden gebracht worden sind - an der Fingerposition zu halten und nicht ungebremst ins Flughafengebäude zu rollen. Ich hatte dieses Phänomen auch schon mal auf Twitter erörtert und irgendwer (verzeiht mir, ich kann mich nicht erinnern, wer's war – die Vergesslichkeit... ) fragte sich in ebenso großer Verwunderung ob dieser Applaussucht, was denn Paxe tun würden, wenn es mal nichts zu klatschen gäbe – würden alle dann das Cockpit ausbuhen? Fatale Landungen, bei denen es richtig was zu buhen gegeben hätte, habe ich Gott sei Dank – toitoitoi – halleluja – noch nie miterlebt, aber so manches Mal, wenn mein Nacken mal wieder dran glauben musste, hätte ich gerne mal zu Buhrufen angesetzt. Aber die harten Landungen sollen ja angeblich die sichersten sein. Und eine Kollegin hatte kürzlich die verwegene Theorie aufgestellt, dass die Härte der Landung mit dem Testosterongehalt im Blut des landenden Piloten korreliert – in Kurzform: Je härter die Landung, desto rrrrrrrr das Cockpit! Bestätigen kann ich das nicht wirklich, aber zumindest erheitern mich seitdem harte Landungen immer...


Kommentare:

  1. Dieses klatschen ist schlichtweg ein Unding und die Leute sind m.E. einfach nur... naja.

    Neulich, als mein Kleiner (2J) das erste mal geflogen ist und fragte warum die bei der Landung in Antalya klatschen sag ich "weil die dumm sind". Soweit so gut.

    Beim Rückflug hat er dann nach der Landung lautstark kundgetan "Papa, die Klatschen weil die dumm sind, ne..."

    :-)

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  2. Ich habe laut gelacht...danke dafür!

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  3. Das klatschen scheint aber überwiegend ein deutschen "Phänomen" zu sein. Vor 14 Tagen erst bin ich von Nürnberg nach Paris und von Paris nach Bordeaux mit AF geflogen. Die Passagiere waren nahezu alle Franzosen, kein Klatschen. Während meiner Zeit als Reiseleiter bin ich dann mit DE und AB geflogen und jedes mal wurde frenetisch geklatscht - waren ja auch alles Deutsche an Bord ;o)

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  4. @Philippe: bei LH, AF und allen anderen normalen Fliegern erlebst Du so etwas auch nicht... aber bei AB, Tuifly und ähnlichen Fluggesellschaften, wo eben vor allem Pauschalurlauber sitzen...

    Aber das mit der harten Landung werde ich mir auch merken :) und mich amüsieren :) Danke dafür

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  5. Aber wäre die Welt nicht viel freundlicher, wenn jedem Arbeitnehmer etwas Anerkennung zuerkannt werden würde? Ich werde jetzt jedes Mal, wenn die Kassiererin im Supermarkt ihren Kassiervorgang abgeschlossen hat, applaudieren. Die freut sich bestimmt! (Oder holt den Sicherheitsdienst...)

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  6. Soso... in deinem Laden scheinen ja nur "Jungs" zu fliegen... (ich frage mich gerade, woran man eine Landung mit erhöhten Östrogenspiegel erkennt). :o)

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  7. Wieso regt man sich auf, wenn alle Klatschen. Ist doch toll ...

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  8. @Lylive
    Mir kommt die Idee ja immer im Linienbus beim Anfahren der Haltestelle :)

    @Sabine
    Nö, gibt auch Mädels. Aber da interessiert mich der Hormonspiegel eigentlich nicht so ;)

    @Anonym
    Mmm, guter Punkt. Allerdings ist das Klatschen als Anerkennung für eine Landung schon skurril. Als Kabine mit Hunderten - ach, Tausenden - von Landungen ist eine sichere Landung für mich selbstverständlich - ansonsten würde ich entweder kündigen oder eine deftige Risikozulage fordern.

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  9. Meine Schwester ist auch Flugbegleiterin. Und sie nimmt mir bei jedem gemeinsamen Flug das Versprechen ab, dass ich meine Flugangst nicht zeigen werde. Als mal ein übervorsichtiger Copilot zu hart gelandet ist und die ganze Crew sich beschwerte habe ich brav wie festgetackert gegrinst und ganz souverän getan. Ich darf auch nicht klatschen.

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  10. für die, die spass an landeanalysen haben, muss ich noch ein paar beobachtungsmerkmale hinzufügen:

    wissenschaftler haben herausgefunden, dass das fahrverhalten von männern (frauen wurden nicht untersucht, ist aber ein interessanter arbeitsauftrag) mit ihrem sexualverhalten korreliert. das lässt sich super auf die landung übertragen.

    aufgefallen ist mir das, nachdem mich mal ein pilot nach der landung fragte: "wie war ich?" die frage legt den bezug selbstredend nahe. spannend ist der gesamte landeprozess: geschwindigkeit bei der landung, aufsetzen, abbremsen, etc...

    nach aktuellen erlebnissen weiß ich jetzt, wie ein cheflenker startet und landet, der vermeindlichen sex im cockpit während des fluges hatte. (über die korrelation von qualität & landung kann ich mir kein urteil anmaßen, da die nummer unter ausschluss der öffentlichkeit stattfand)

    nach einer kleinen 5tage empirie sei soviel verraten: starten mit parkbremse, triebwerke volle möhre , dann den fiffi explosionsartig von der leine lassen (flugzeugträgeratmo). landung ähnlich: mit hohem tempo rein, so abbremsen, dass die hände zum klatschen gar nicht frei sind, sondern gegenstände sichern müssen, oder den eigenen halt statt gurt stabilisieren. lautes geheul durch mordsmegamäßigen umkehrschub. müßig zu erwähnen, dass es für so ne nummer keinen applaus gab.

    aber ich habe ungelogen nach der landung noch nie so viele kinder kotzen sehen. wir mussten tüten nachbestellen...

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  11. Als Vertreter der pilotierenden Zunft erlaube ich mir mal zu sagen, daß in Korrelation einer besonders "sicheren Landung" zur Höhe des jeweiligen Testosterongehalts im Ruheraum ganz vorn, durchaus eine Validität besteht. Der Pilot an sich hat eben ein verdammt hartes Leben...

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  12. @Anonym 16. August: Also wie BMW-Fahrer...

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  13. Ja,ja... die Piloten sind echt arme Hunde ! Zwischen Kaffee trinken und Essen auch noch Entscheidungen zu treffen , was ein Elend ! ;-)

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