31. Mai 2010

Für mehr Freiheit.

Düsen müssen ja fit sein. Also war ich heute im Fitnessstudio. Angekommen, Tasche auf, Klamotten aus - und: Sportshirt vergessen. Muss ich wohl mein Straßenshirt anbehalten. Scheiße, dachte ich. Große Scheiße. Denn eigentlich passiert mir sowas nur beim Fliegen und nicht privat. Ich leide nämlich an akuter, wirklich extrem lebensbeeinträchtigender Vergesslichkeit. Aber nur beim Fliegen. Ich vergesse alles. Lasse alle meine Habseligkeiten liegen, die nicht fest an meinem Körper verzurrt sind. Was habe ich nicht schon alles auf diversen Hotelzimmern oder im Flieger vergessen? Handys, Handschuhe, Dienstausweis (Hach, da gibt's auch 'ne nette Geschichte zu: ich hatte im Hotel 'ne Unterhose daneben vergessen. Und beides, nachdem es durch die Hände diverser Hotelangestellter gegangen ist, fein säuberlich in einem Umschlag verpackt von einem Kollegen mitgebracht bekommen. Was habe ich mich geschämt.), unter der Bettdecke verknüllte Socken, Uniformblusen, Uniformtücher, Schmuck - die Liste ist endlos. Glücklicherweise gibt es immer gute Geister, die dafür sorgen, dass der Großteil meiner Besitztümer wieder zurückgelangt. (Danke, ihr lieben Kollegen, Zimmermädchen und Cleaner!) Und meine immer wiederkehrende Angst, ich könnte eines Tages ohne Hose zum Dienst erscheinen, kommt auch nicht von ungefähr. Ist nämlich auch schon vorgekommen, dass mir erst mitten im Service auffällt, dass ich zum Dienst gleich zwei Westen angezogen habe. Oder die Hose an gewissen Stellen schon gefährlich dünn durchscheint.

Nun habe ich mir oft Gedanken gemacht, warum ich so vergesslich bin. Ist das eine Krankheit? Ein Virus? Ist das ansteckend? Oder bin ich einfach nur trantütig? Da ich ja eigentlich nur unterwegs vergesslich bin, muss es irgendwas mit der Fliegerei zu tun haben. Zum einen könnte es meine Faulheit sein, die mich gerne Dinge vergessen lässt: "Könnten Sie mir noch einen Kaffee bringen?" "Ja, sicher, gern." Und... Ups. Schon wieder vergessen. Den Kaffee hat es nie gegeben. Zum anderen gibt es in der Fliegerei für wirklich alles festgelegte Procedures, bei denen man zumindest in der Kabine leicht der Verführung erliegen kann, sein Hirn auch einfach mal auszuschalten. Und vieles ist redundant, vor allem im Cockpit, wie zum Beispiel das Lesen der Checklisten im Flug. "Haste das gear down gemacht?" "Ja." "Echt jetzt?" "Jahaaa doch." "Okay, gear down, checked." (Frei interpretiert. Nenne ich jetzt mal künstlerische Freiheit.) In der Kabine ist analog ebenso alles durchorganisiert. Aaaalles. Bis zum Einlegen der vorgefertigten Kaffeebeutel. Immer mit der Naht nach oben. Neuerdings. Generationen von Flugbegleitern sind nämlich so geschult worden, den Beutel mit der Naht nach unten einzulegen. Bis der uns beliefernde Kaffeeröster beschloss, ein bißchen weniger Kaffee in seine Beutel zu füllen. Wilde Diskussionen entbrannten. Zu wenig Kaffeepulver im Beutel? Nein, daran kann's nicht liegen. Wenn überhaupt, dann sind die Düsen schuld. Der Beutel wurde einfach jahrelang falsch herum eingelegt. Und so folgten diverse Publikationen, die uns in Wort und Bild mit der neuen Kaffeebeutel-Einleg-Procedure vertraut machen sollten. Das Kaffeepulver im Beutel hat sich dadurch aber trotzdem nicht vermehrt. Und der Kaffee blieb dünner als eh und je.

Ach ja, ich bin übrigens heute nach dem Sport im Unterhemd nach Hause. Das ist da, wo ich wohne, schon fast wieder hip. Genauso wie Opas alte Trainingskombi aus Ballonseide. Oder Tante Juttas zerschlissenes Putzkleid. Die Kollegen, die unsere Dienstbekleidungsverordnung verfassen, sollten vielleicht vor der nächsten Aktualisierung ein paar Tage hier verbringen. Und sich ein bißchen inspirieren lassen. Für mehr Freiheit in der Uniformgestaltung. Nur für den Fall, dass ich doch mal die Hose vergesse.