8. Oktober 2010

Happy Jubiläum to me.

Ich schaue auf den verwelkten Blumenstrauß und werde sentimental. So wie ich immer an Hochzeiten, an Geburtstagen, an Mitternacht bei Silvester und anderen Jahrestagen sentimental werde. Nun feiere ich also Düsenjubiläum. Die Firma hat mir eine Tapferkeitsmedaille für unermüdliches Tablettschleudern geschickt und dazu gab's per Fleurop einen Blumenstrauß – im Grunde eine nette Geste. Der liefernde Blumenladen wurde aber offensichtlich dazu angehalten, das ganze Arrangement in den Firmenfarben zu halten, was bei dieser Jahreszeit und unserem Corporate Design eine floristische Meisterleistung erfordert. Zuviel für meinen vietnamesischen Blumenhändler/Spätkauf/Tante-Emma-Laden an der Ecke. Leider habe ich den wunderbaren Augenblick verpasst, an dem ein kleiner Vietnamese von diesem unsagbar hässlichen Trümmer verdeckt vor meiner Tür stand, denn just einen Tag vorher bin ich auf meinen Umlauf gegangen und konnte den Jubiläumsstrauß gar nicht persönlich entgegennehmen. Aber wie sollte die Firma das auch ahnen.


Nun lassen die ersten Blümchen den Kopf hängen, und ich auch. Dass ich dieses Jubiläum erleben würde, hätte ich bei meiner Einstellung nicht gedacht. So viele Jahre Fliegerei. Zeit für ein Resümee. Was habe ich gelernt? Habe ich überhaupt etwas gelernt?


Spontan denke ich an eine aktuelle Episode – an Bord: Mutter und Vater gesetzteren Alters mit zwei Töchtern, eine im Grundschulalter, eine noch nicht ganz den Windeln entwachsen. Beide Elternteile waren sehr bemüht, aber auch überfordert, und beide Kinder sahen in der anti-autoritären Grundhaltung ihrer spätgebärenden Eltern die Chance, den beiden und uns anderen mal so richtig auf den Keks zu gehen.


Es wunderte mich also nicht mehr, als ich nach dem Verlassen der Parkposition beim Kabinencheck eine auf dem Sitz herumspringende Zweijährige vorfand. (Wer mal im Flieger beim Rollen eine unerwartete Bremsung mitbekommen hat, kann sich ja ausmalen, wie so ein Szenario enden kann: Stolpern, Kinderkopf an Decke/Rückenlehne/Armlehne/Boden – Platzwunde – großes Aua – Notarzt – großes Drama) Naja, soll mir egal sein. Ist ja nicht mein Kind. Da ich mittlerweile nur ungerne an Bord spreche, seitdem ich herausgefunden habe, dass sich der größte Teil der Interaktion mit Paxen mit Hilfe weniger Gesichtsausdrücke und Gesten bestreiten lässt (fragendes Lächeln = „Was möchten Sie trinken?“; beruhigendes Lächeln = „Wir sind gleich durch die Turbulenzen durch!“; erhobener Zeigefinger und Kopfschütteln = „Handy aus!“ usw.), musste auch hier schon der „Sie-müssen-Ihre-Tochter-jetzt-anschnallen“-Blick gepaart mit „Aber-eigentlich-ist-mir-das-sowas-von-egal“ genügen. Scheinbar hatte Mutti schon auf mich gewartet, alleine ist es ihr nämlich nicht gelungen, ihre Tochter anzuschnallen.


„Anna-Leeenaaa, guck' mal, die Stewardess wird schon richtig böse! Du musst Dich jetzt anschnallen, die ist schon richtig sauer! Jawohl!“

(Leider guckt die Stewardess nur sehr teilnahmslos und steht einfach nur abwartend da, weil sie Mutti nicht den Gefallen tun und sie aus ihrer misslichen Lage befreien will. Wer hier einknickt, darf nämlich auch für den Rest des Fluges als Erziehungshilfe dienen. Purer Erfahrungswert.)


Anna-Lena trägt im übrigen auch noch Windeln. Und ich ahne Schlimmes. Nach einigen Jahren an Bord mit Wickelkindern und deren schmerzfreien Eltern bin ich vorgewarnt. Mütter, die ihre Babys mit nacktem Hintern auf freien Sitzen wickeln (Ja, wissen die denn nicht, dass vorher schon fünftausend Hintern diesen Sitz vollgepupst haben? Haben die da kein Ekelgefühl? Oder zumindest eine Wickelunterlage?). Während des Essensservices wohlgemerkt. Der Kreislauf der Ernährung auf anderthalb Quadratmetern sozusagen. Die einen tun's oben rein, während es bei den anderen unten... naja. Auch die Entsorgung der Exkremente sehen diese Sorte Eltern eher unbeschwert. Mir mangelt es da wohl sehr an Natürlichkeit – ich habe mich jedenfalls eines Tages sehr geekelt, als ich plötzlich in meiner Tablett-Einsammel-Trance hochschreckte: Da streckten mir doch Elternhände das Tablett mit oben aufliegender Windel entgegen. Machen die das zu Hause auch so? Windel nach dem Essen auf den Teller und dann: „Danke, Schatz, ich bin satt, kannst den Scheiß wegräumen.“ Jedenfalls war das für mich einer der prägenden Momente für den weiteren Umgang mit Kleinkindern und deren Eltern: Immer darauf achten, wann und wo gewickelt wird, und auf das Schlimmste gefasst sein. (Und bei Bedarf mit weit ausgestrecktem Arm auf die Toilette zeigen: „Da ist auch ein Mülleimer drin. Können Sie da gerne reinwerfen. Und ein Wickeltisch gibt’s da auch. Nur so als Info.“)


Die neue Kollegin, die an besagtem Tag mit Anna-Lena auch an Bord war, hatte diese Lektion noch vor sich. Jedenfalls streckte sie mit dem typischen Flugbegleiter-Müllgreif-Reflex arglos ihre Hand aus, als Anna-Lenas Vati auf sie zukam und gleichzeitig mit der Frage „Kann ich Ihnen das hier geben?“ ein prall gefülltes Windelpäckchen in die flache Hand drückte.


4. August 2010

Applaus, Applaus!

Wir Düsen sind oft eitel und manchmal auch ein bisschen narzisstisch. Und so lese auch ich ab und an ganz selbstverliebt meine eigenen Texte hier in diesem Blog. Gepaart mit meiner Vergesslichkeit ergibt das ein fantastisches Lesevergnügen - ich bin immer selbst erstaunt, was so alles an Bord passiert. Obwohl ich irgendwann mal sogar dabei war. Frühe Anzeichen von Düsen-Alzheimer haben also doch etwas Vorteilhaftes. Es wird nie langweilig.


Jedenfalls las ich nach einem langen, heißen und anstregenden Sommertag an Bord einen Blogpost aus dem Winter – und dachte mit Wehmut zurück. Ich liebe den Sommer, das ist ganz meine Jahreszeit; aber Fliegen ist in dieser Zeit ja noch viel erbärmlicher (sage ich jetzt, aber erinnert mich nochmal im Winter daran, wenn ich wieder übers üble Schneechaos schimpfe). Sowohl als Pax als auch als Düse. Die Sonne brennt, der Vorfeldasphalt kocht und Menschenmassen schieben sich durch Flughäfen und Flieger. Die Nase wird mit olfaktorischen Erlebnissen der Extraklasse verwöhnt, wenn verschwitzte Paxe/Techniker/Cleaner/Kollegen den Flieger betreten und, plötzlich um 20 Grad heruntergekühlt, den Duft von kalten Körperausdünstungen freisetzen. Oder aber die Klimaanlage funktioniert nicht (Fortgeschrittene steigen bei der Erwähnung einer kaputten APU im Sommer erst gar nicht ein – ihr wisst, was ich meine...), und alle dampfen gemeinschaftlich bei 48 Grad Raumtemperatur vor sich hin und warten womöglich noch fröhlich auf den Slot in einer Stunde.


Also, wir halten fest: Schon die Rahmenbedingungen sind grenzwertig und münden in einen erhöhten Stressfaktor, bei Crews und Paxen. Die in dieser Zeit ohnehin speziell sind. Wer ein oder zwei Jahre lang auf seinen Pauschalurlaub gespart hat, der will ja auch was erleben für sein Geld. Jawohl. Und hat eine Erwartungshaltung von hier bis nach Bagdad. So saß ich letztens selbst als Pax in einem Urlaubsflieger, bei dem wohl die Umrüstung auf eine Ölsardinen-Bestuhlung noch anstand, also relativ bequem – was den zwei 19jährigen Mädchen neben mir aber nicht weiter auffiel. Die zwei beschwerten sich lauthals über die Enge - und der Kapitän könnte keine Ansagen und die Düsen wären doof und alt und überhaupt... Ist bei denen im Privatjet bestimmt anders. Aber ob die da auch im Ballermann-Megapark-Jürgen-Drews-Fan-Shirt sitzen dürfen? Man weiß es nicht.


Rätselhaft sind mir auch diese Beifallsstürme nach der Landung. Bei besonders engagiertem Publikum wird sogar mehrfach applaudiert: direkt nach Touchdown, nach der deutschen Verabschiedungsansage, nach der englischen - und da war ich letztens vor Lachen den Tränen nahe: zusätzlich noch bei Erreichen der Parkposition. Nun, keine einfache Aufgabe für die Jungs vorne im Cockpit – nachdem Tonnen an Metall, Paxen und Koffern sicher zu Boden gebracht worden sind - an der Fingerposition zu halten und nicht ungebremst ins Flughafengebäude zu rollen. Ich hatte dieses Phänomen auch schon mal auf Twitter erörtert und irgendwer (verzeiht mir, ich kann mich nicht erinnern, wer's war – die Vergesslichkeit... ) fragte sich in ebenso großer Verwunderung ob dieser Applaussucht, was denn Paxe tun würden, wenn es mal nichts zu klatschen gäbe – würden alle dann das Cockpit ausbuhen? Fatale Landungen, bei denen es richtig was zu buhen gegeben hätte, habe ich Gott sei Dank – toitoitoi – halleluja – noch nie miterlebt, aber so manches Mal, wenn mein Nacken mal wieder dran glauben musste, hätte ich gerne mal zu Buhrufen angesetzt. Aber die harten Landungen sollen ja angeblich die sichersten sein. Und eine Kollegin hatte kürzlich die verwegene Theorie aufgestellt, dass die Härte der Landung mit dem Testosterongehalt im Blut des landenden Piloten korreliert – in Kurzform: Je härter die Landung, desto rrrrrrrr das Cockpit! Bestätigen kann ich das nicht wirklich, aber zumindest erheitern mich seitdem harte Landungen immer...


31. Mai 2010

Für mehr Freiheit.

Düsen müssen ja fit sein. Also war ich heute im Fitnessstudio. Angekommen, Tasche auf, Klamotten aus - und: Sportshirt vergessen. Muss ich wohl mein Straßenshirt anbehalten. Scheiße, dachte ich. Große Scheiße. Denn eigentlich passiert mir sowas nur beim Fliegen und nicht privat. Ich leide nämlich an akuter, wirklich extrem lebensbeeinträchtigender Vergesslichkeit. Aber nur beim Fliegen. Ich vergesse alles. Lasse alle meine Habseligkeiten liegen, die nicht fest an meinem Körper verzurrt sind. Was habe ich nicht schon alles auf diversen Hotelzimmern oder im Flieger vergessen? Handys, Handschuhe, Dienstausweis (Hach, da gibt's auch 'ne nette Geschichte zu: ich hatte im Hotel 'ne Unterhose daneben vergessen. Und beides, nachdem es durch die Hände diverser Hotelangestellter gegangen ist, fein säuberlich in einem Umschlag verpackt von einem Kollegen mitgebracht bekommen. Was habe ich mich geschämt.), unter der Bettdecke verknüllte Socken, Uniformblusen, Uniformtücher, Schmuck - die Liste ist endlos. Glücklicherweise gibt es immer gute Geister, die dafür sorgen, dass der Großteil meiner Besitztümer wieder zurückgelangt. (Danke, ihr lieben Kollegen, Zimmermädchen und Cleaner!) Und meine immer wiederkehrende Angst, ich könnte eines Tages ohne Hose zum Dienst erscheinen, kommt auch nicht von ungefähr. Ist nämlich auch schon vorgekommen, dass mir erst mitten im Service auffällt, dass ich zum Dienst gleich zwei Westen angezogen habe. Oder die Hose an gewissen Stellen schon gefährlich dünn durchscheint.

Nun habe ich mir oft Gedanken gemacht, warum ich so vergesslich bin. Ist das eine Krankheit? Ein Virus? Ist das ansteckend? Oder bin ich einfach nur trantütig? Da ich ja eigentlich nur unterwegs vergesslich bin, muss es irgendwas mit der Fliegerei zu tun haben. Zum einen könnte es meine Faulheit sein, die mich gerne Dinge vergessen lässt: "Könnten Sie mir noch einen Kaffee bringen?" "Ja, sicher, gern." Und... Ups. Schon wieder vergessen. Den Kaffee hat es nie gegeben. Zum anderen gibt es in der Fliegerei für wirklich alles festgelegte Procedures, bei denen man zumindest in der Kabine leicht der Verführung erliegen kann, sein Hirn auch einfach mal auszuschalten. Und vieles ist redundant, vor allem im Cockpit, wie zum Beispiel das Lesen der Checklisten im Flug. "Haste das gear down gemacht?" "Ja." "Echt jetzt?" "Jahaaa doch." "Okay, gear down, checked." (Frei interpretiert. Nenne ich jetzt mal künstlerische Freiheit.) In der Kabine ist analog ebenso alles durchorganisiert. Aaaalles. Bis zum Einlegen der vorgefertigten Kaffeebeutel. Immer mit der Naht nach oben. Neuerdings. Generationen von Flugbegleitern sind nämlich so geschult worden, den Beutel mit der Naht nach unten einzulegen. Bis der uns beliefernde Kaffeeröster beschloss, ein bißchen weniger Kaffee in seine Beutel zu füllen. Wilde Diskussionen entbrannten. Zu wenig Kaffeepulver im Beutel? Nein, daran kann's nicht liegen. Wenn überhaupt, dann sind die Düsen schuld. Der Beutel wurde einfach jahrelang falsch herum eingelegt. Und so folgten diverse Publikationen, die uns in Wort und Bild mit der neuen Kaffeebeutel-Einleg-Procedure vertraut machen sollten. Das Kaffeepulver im Beutel hat sich dadurch aber trotzdem nicht vermehrt. Und der Kaffee blieb dünner als eh und je.

Ach ja, ich bin übrigens heute nach dem Sport im Unterhemd nach Hause. Das ist da, wo ich wohne, schon fast wieder hip. Genauso wie Opas alte Trainingskombi aus Ballonseide. Oder Tante Juttas zerschlissenes Putzkleid. Die Kollegen, die unsere Dienstbekleidungsverordnung verfassen, sollten vielleicht vor der nächsten Aktualisierung ein paar Tage hier verbringen. Und sich ein bißchen inspirieren lassen. Für mehr Freiheit in der Uniformgestaltung. Nur für den Fall, dass ich doch mal die Hose vergesse.

29. April 2010

Better be safe than sorry.

Heathrow und ich. Eine Hassliebe. Ich mag zwar riesige Flughäfen, aber Heathrow und ich, wir werden niemals dicke Freunde. Mir lief ein Schauer über den Rücken, als ich letztens in der Buchhandlung Alain de Bottons neuestes Buch entdeckte. Eine Woche eingesperrt in Heathrow. Alter Falter. Dass der überhaupt da heil wieder rausgefunden hat, aus diesem überdimensionalen Labyrinth, in dem schon aus dem Gang zum Abfluggate eine Tagesreise werden kann.

Und das Ganze dann noch auf englischem Boden. Ich liebe ja die Engländer, wirklich. Der trockene Humor ist grandios und die Tatsache, dass der gemeine Engländer auch in jeder noch so verfahrenen Situation seine positive Grundeinstellung beibehält, hat so manchen Horrortrip mit Delays und AOGs gar nicht so schlimm werden lassen wie erwartet. Der Engländer an sich ist da pragmatisch: "Gut, wir sind zu spät/der Flieger kaputt/das Wetter schlecht - was soll's. Machen wir das Beste draus. More tea?" Für uns als Kabine sehr angenehm, gibt es doch andere Kulturkreise, in denen Ausraster in solchen Situationen zum guten Ton gehören.

Der Engländer an sich hat allerdings eine Riesenmacke: Alles muss doppelt und dreifach abgesichert werden. Und wehe, einer hält sich nicht dran. Vor einigen Jahren schon wurde in England das Rauchen im Turnaround (jaja, es gibt seit Ewigkeiten nur noch Nichtraucherflüge, aber im Turnaround machen wir eh an Bord, was wir wollen) verboten, was manche rebellischen Crews dazu gebracht hat, auch im noch so kurzen Turnaround immer alle Türen zu schließen - damit niemand vom Bodenpersonal spontan hereinschneien und die Crew verpfeifen konnte. Oder aufs Vorfeld gehen - niemals ohne gelbe Warnweste! Auch nicht mal eben kurz die Treppe runter. Steht in England die Todesstrafe drauf. (Paxe dürfen aber kurioserweise kreuz und quer ohne jegliche Absicherung übers Vorfeld zum Flieger laufen. Ohne gelbe Weste.)

Lustig wurde es an bestimmten Destinations vor allem immer dann, als der Cateringwagen andockte. Der Caterer brauchte nämlich immer extra lang zum Beladen des Fliegers (eigentlich eine Sache von zwei Minuten). Nicht aus purer Trödelei, sondern weil er sich erst sein Sicherheitsgeschirr um den halben Körper zurren und dann mit einem Stahlseil im LKW befestigen musste, um von seinem Wagen aus die gefährlichen 10 Zentimeter über die Rampe bis in den Flieger hinein unverletzt zu überstehen. Ich sollte dazu bemerken, dass, wenn es überhaupt einen Schlitz gegeben hätte, durch den er hätte fallen können, es Cirque-du-Soleil-artige Turnkünste gebraucht hätte, um durch diese hindurch runter aufs Vorfeld zu stürzen. So nah, wie der gute Mann mit seinem LKW herangefahren ist. Aber: Better be safe than sorry.

Auf die end- und sinnlosen Sicherheitskontrollen für Crews möchte ich hier erst gar nicht eingehen; sie sind aber vom Unterhaltungswert gesehen nicht minder erheiternd als der Caterer mit seinem Bungeejumping-Geschirr. Wer aber denkt, mit Verlassen des Flughafengeländes ist alles wieder wie daheim, der irrt: Im Hotel wird natürlich ebenfalls auf die Sicherheit der Gäste achtgegeben. Mit absurden Sicherheitsvorkehrungen und der beim Engländer allzeit präsenten Panik, bei gewöhnlichen Tätigkeiten sein Leben zu lassen, nun schon vertraut, wundert man sich gar nicht mehr, wenn man mit tropfnassen Haaren aus der Dusche steigt und erst auf Schnitzeljagd gehen muss, um den Fön zu finden. Englandreisende wissen hier bereits: Man peile den Schreibtisch an, der natürlich in der vom Badezimmer am weitesten entfernten Ecke steht, öffne die Schublade und tadaa: da isser, der Fön. Natürlich nur mit extra kurzer Schnur. Nicht, dass ein längeres Kabel doch noch dazu verleiten könnte, sich den Schreibtisch samt Fön in die Nähe der Badewanne zu rücken, ein wenig Wasser einzulassen und sich doch noch zu suizidieren. Pfiffige Hotels sorgen dann auch dafür, dass sich über besagtem Schreibtisch kein Spiegel befindet - somit wäre auch für den Frühsport à la Pam Ann gesorgt: "Touch hairdryer - run back to the mirror - touch hairdryer - busy, busy - back to the mirror..."


Mal sehen, was Alain de Botton so über Heathrow schreibt. Ich berichte.

27. April 2010

Flugbegleiterin: Knochenjob oder doch nur Kellnerin?

Wenn ich Fußgängern erzähle, welchen Beruf ich ausübe, lassen sich die Reaktionen auf zwei Haltungen herunterbrechen. Die einen winken sofort ab: "Ach, Flugbegleiterin ist ja auch nicht mehr so toll wie früher. Du musst ja gar nicht mehr so hohe Voraussetzungen erfüllen. Gut aussehen muss man auch nicht mehr. Und Fremdsprachen - da musste auch nur das Niveau der Deutschen Bahn haben. Und überhaupt, das ist ja wie Kellnern. Eigentlich noch schlimmer. Und man muss immer machen, was die Passagiere wollen. Neee, hätte ich ja gar keinen Bock drauf." (Gut, denke ich mir, haste wohl was falsch verstanden - du kaufst mit dem Ticket nicht die Düse mit. Ich muss gar nix. Und danke für die Blumen.)

Die anderen, die versinken im Mitleid: "Ich bin ja immer total nett zu den Flugbegleitern, wenn ich fliege. Die Armen, die sind ja oft so lange unterwegs, und sehen tun die auch nix mehr von den Zielen. Und dann müssen die auch noch mit unflätigen Paxen klar kommen. Und dieser ganze Streß, die Verspätungen, der Lärm, das geht ja auch alles an die Nieren. Nee, ihr tut mir echt leid. Wirklich."

Man kann sich denken, für welches Gegenüber ich am Ende dieser Gespräche mehr Sympathien entwickelt habe. Ein bißchen Mitleid tut ja immer ganz gut. Obwohl - in Wirklichkeit gibt es sie immer noch, die ruhigen, wohltuenden Momente in der Fliegerei:



Je nach Destination wird auch gerne gemeinsam entspannt. Hier eine Ladegruppe bei der Arbeit (man beachte die höchst lockere Körperhaltung aller Beteiligten - rundherum ist übrigens Rush Hour):

20. April 2010

Aschefrei.

Nun, wie gerne würde ich euch hier spannende Geschichten einer gestrandeten Crew in Gott-weiß-wo erzählen, aber der Vulkan hat's gut mit mir gemeint: Die Vulkanwolke erreichte Deutschland just an meinem Off-Tag. Nun sitze ich hier und die Stille am Himmel lässt mich darüber nachdenken, wie sich die Welt wohl gestalten würde, gäbe es die Fliegerei nicht mehr.

Mein Leben wäre jedenfalls um einige Attraktionen ärmer. Und viiiiel unspektakulärer.

14. März 2010

Sonderwünsche.

Früher - damals - einst auf der Super Constellation/DC-10/Tante Ju: ja, das waren noch goldene Zeiten. Es gab Bordverpflegung in Hülle und Fülle; wehe dem, der sich schon am Gate die Taschen und den Hals mit Schokolade und Obst voll gemacht hatte. Denn an Bord wartete das Schlemmerparadies und hielt für jeden Geschmack etwas bereit.

Gut, mittlerweile dürfte sich herumgesprochen haben, dass 99% aller Airlines an der Verpflegung sparen und kurz davor sind wie Anke Engelke einst in einem ihrer legendären Sketche nur noch Katzenpisse oder lauwarmen Instantkaffee zu servieren. Dennoch wollen einige Paxe der Wahrheit nicht ins Gesicht sehen und gehen selbstverständlich davon aus, dass wir so ziemlich jedes Ernährungkonzept individuell umsetzen können. Was bei einer Schinken-oder-Käse-Auswahl eine gewagte Erwartungshaltung ist. Besonders häufig vertreten sind hierbei Allergiker: "Haben Sie etwas ohne Ei/Lactose/Sonnenblumenkerne/Mehl/Butter? Ich krieg' sonst 'nen Anfall." Den krieg ich jetzt schon, meldet sich mein auf komplizierte Paxe sensibilisiertes Düsen-Radar. Ich drücke diesen Kandidaten dann grundsätzlich ein Glas Wasser in die Hand und bereite sie behutsam auf den Hungertod vor, den sie an Bord erleiden werden.

Ich rätsele allerdings noch, welcher Ernährungsphilosophie dieser Herr letztens folgte:

Ich: "Would you like a sandwich?"
(Es gab nur Käse. Und richtig, die Auswahl "Schinken oder Käse" gibt's jetzt auch nicht mehr überall. Eigentlich müsste ich ja jetzt den Blog umbenennen, aber beim derzeitigen Fortschritt der Sparmaßnahmen warte ich lieber noch ein bißchen und benenne ihn dann gleich in "Ein TicTac für Sie?" um.)
Pax: "Yes, please."
Ich schiebe das Sandwich rüber. Pax schaut es sich kritisch an.
Pax: "But I want a vegetarian sandwich."
Ich: "That's cheese."
Pax (empört): "I can't eat cheese, I'm a vegetarian!"

Na dann halt eben nich. Vielleicht meinte der Gute ja auch "vegan" statt "vegetarisch". Aber ein veganes Papp-Sandwich an Bord? Am besten noch mit Zwergenwiese Öko-Zehn-Kräuter-Streich und Petersilie frisch aus dem Galley-Fensterbank-Garten? Ts.

2. Februar 2010

Sie lügen doch.

Der Winter nimmt kein Ende. Ich bin ja an den ein oder anderen Chaostag im Winter gewöhnt; es gibt dann immer zwei, drei Dienste jedes Jahr, die im absoluten Durcheinander enden. Nur diesmal nimmt das Chaos kein Ende. Dauernd Delay wegen Enteisen, Schneefall oder sonstigen Wetterkapriolen.

In der Regel sind Paxe nicht besonders gut auf Verspätungen zu sprechen (na, wer hätte das gedacht?). Ich weiß nicht, wie oft ich mir schon wilde Beschimpfungen anhören musste, weil der Flieger aus irgendeinem Grund zu spät war. Am lustigsten wird's ja immer dann, wenn draußen ganz offensichtlich das Wetter so schlecht ist, dass es einem Weltuntergang gleicht. Schneestürme, Orkane, Regengüsse so stark, dass der Flieger droht, auf dem Vorfeld davon zu schwimmen oder zu wehen - und es gibt immer noch den einen Pax, der wutentbrannt fragt, warum es denn nicht endlich losgeht. Auch ein bestimmtes "Dann gucken Sie mal nach draußen", kann ihn nicht davon abbringen, wild auf die Firma zu schimpfen und unser Cockpit als Weicheier zu outen: "Die Aeroflot/Air Congo/Nevercomeback Airlines fliegt ja auch!!! Sie lügen doch!"

Überhaupt wird viel gelogen an Bord. Einmal mussten wir im Anflug auf München zehn Minuten ins Holding, weil eine Maschine hinter uns wegen eines medizinischen Notfalls Landepriorität bekommen hat. Unser Kapitän machte dann eine Ansage, dass wir mit etwas Delay landen würden - und schon zippelte mich ein aufgeregter Greis am Ärmel und schrie mir entgegen: "Und sie gehen jetzt zu Ihrem Kapitän und sagen dem jetzt, dass wir uns hier nicht verarschen lassen!!! So eine Scheiße!!! Sie lügen doch, alle zusammen!!! Von wegen Notfall! Ha, das können Sie uns nicht erzählen! Sie lügen!!!"

Ich habe ihm dann erklärt, dass sich für läppische zehn Minuten Delay sich auch nur keiner von uns im Ansatz die Mühe machen würde, sich extra eine Geschichte auszudenken. Wollte er aber nichts von wissen und da der Kunde ja bekanntlich ja König ist, gab ich ihm letztendlich recht: "Jaja, okay, da ist gar kein Notfall. Der Kapitän wollte nur 'ne extra Runde über München fliegen und dem Co aus der Luft seinen neuen Stamm-Italiener in Schwabing zeigen."

20. Januar 2010

Fliegen wie Speedy Gonzales.

Eines muss man Billigfliegern wie easyJet lassen: Keiner zieht den Leuten das Geld so elegant aus der Tasche.

Bei easyJet wird nicht nur jedes Gepäckstück extra berechnet - für den umweltbewussten Fluggast gibt es auch die Möglichkeit, durch die Zahlung von 2,03 € die Welt vor dem Klimakollaps zu retten.

" Verringern Sie die Umweltauswirkungen der CO2-Emissionen Ihrer Flüge über die von der UN zertifzierten Projekte zur Reduzierung des Schadstoffausstoßes.

Tragen Sie mit 2,03 € pro Person dazu bei, die 132,000 kg Kohlenstoffdioxid auszugleichen, die für jeden Passagier auf dieser Buchung anfallen - ganz ohne Zwischenhändler, und easyJet erhält aus diesem Programm keinerlei Profit."

Wer sich dann noch bei freier Platzwahl den besten Platz sichern möchte, bucht noch "Speedy Boarding" für 8,25 € dazu und darf durch's Gate rennen wie Speedy Gonzales. Fragt sich nur, was passiert, wenn alle die Option buchen und sich um die guten Plätze prügeln. Gibt's dann das Geld wieder zurück?


19. Januar 2010

Geiz is' eben nich' geil.

Unsere Firma spart. Und das an so vielen Stellen, dass ich eigentlich täglich auf einen You-Tube-reifen Ausraster eines Paxes warte - manche Kosteneinsparungen sind einfach kunden- und menschenfeindlich. Aber scheinbar ist es ein Phänomen der Zeit, dass man als Konsument den Sparwahn mancher Unternehmen einfach so hinnimmt.

Ich selbst werde von unserem Sparprogramm auch immer aufs Neue überrascht. Unglaublich, wo sich noch was abzwacken lässt. Da sind eines Tages unsere Cocktailservietten zum Getränk nicht mehr 4- sondern 2-lagig und aufgefaltet auch nur halb so groß. Über die Handhabung dieser Läppchen hat sich allerdings niemand Gedanken gemacht: Minutenlang muss man die hauchdünne Serviette vom Stapel knibbeln und hat man sie endlich mühevoll um den Becher drapiert, kommt sie als abgegriffenes Papierknäuel beim Gast an. Sollte der es dann noch wagen, sich den Mund damit abzutupfen (richtige Servietten zum Essen gibt's ja auch nicht mehr), dann verliert das Servietten-Papierknäuel das letzte bißchen an Konsistenz und löst sich von selbst in Luft auf wie die Tonbänder in "Mission Impossible".

Ich mach's jetzt so wie die Kollegen von British Airways. Scheiß auf die Sparerei.