20. Mai 2017

Hashtags und Hundeöhrchen.

Hallo.
Ja, ich lebe noch.
Ich war schreibfaul in der letzten Zeit. Okay, in den letzten Jahren.
So schreibfaul, dass ich fast vergessen habe, dass es diesen Blog noch gibt.
Aber dann habe ich Instagram neu entdeckt. Und dort die vielen Accounts von Flugbegleitern.
Ach. Sieh an.
Mein Beruf in den schillerndsten Farben. So lebt es sich also als Düse: ich war fasziniert von einem Leben, das meins sein sollte, ich aber nicht wiedererkannte.

Als ich nämlich diesen Blog nebst Twitter-Account so 2008 oder 2009 angefangen habe, gab’s das gar nicht. Düsen und soziale Medien - das war eine ähnliche Relation wie Teufel und Weihwasser. Traditionell war die Kabine eben nie an kommunikationstechnologischen Neuerungen interessiert. (Das Cockpit im übrigen oft auch, was angesichts des hochtechnischen Berufes noch viel skurriler ist.) Wir lebten ein bisschen in unserem eigenen, verschlossenen Mikrokosmos.

Ich erinnere mich an Gespräche vor fast zwanzig Jahren mit Kabinenkollegen, in denen ich verzweifelt versuchte, sie von den Vorteilen eines stinknormalen Handys zu überzeugen - da wäre man doch unterwegs erreichbar und ganz raffiniert, man könne auch mal kurze SMS-Nachrichten nach Hause schicken. Wäre doch perfekt für unseren Beruf. Aber viele waren auch schon mit einem knochenförmigen Nokia mit popeliger Tastatur und monochromem Display überfordert.
„Nee, brauche ich nicht. Immer diese ständige Erreichbarkeit. Wer braucht das schon. Und wenn ich unterwegs bin, hab ich doch auf'm Hotelzimmer 'n Telefon!“
Ich ärgerte mich immer über so viel Ablehnung gegenüber technischen Errungenschaften - wie kann man sich nur so vor der Zukunft verschliessen?

Heute trauere ich diesen Zeiten nach. Die Arbeit war weniger, die Pausen länger und es war einfach mehr Zeit. Zeit, die jetzt ein knappes Gut ist und noch knapper, weil noch schnell 'ne Whats-App geschickt werden muss, oder jetzt, ha, ganz brandneu, unsere 19jährige Kollegin noch schnell 'n Galleyselfie mit wackelnden Hasenohren und Hundeschnäuzchen snappen muss - alles dokumentiert mit dem Hashtag #ilovemyjob.

Und während Lena-Florentine-Marie dann so vierhundert Kim-Kardashian-Duckfaces vor ihrem Smartphone abposed und sich selbst und ihren tollen, supergeilen Mega-Job feiert, der kaum eine WG-Zimmermiete und einen Monatsvorrat Miracoli bezahlt, rödele ich im Hintergrund herum, räume dies und das von rechts nach links, mache mir Gedanken, wann jetzt wohl der erste Pax kommt, wie wir das mit dem Service machen, ob der Techniker noch wegen der Scheißkaffeemaschine kommt, die eh schon seit Wochen kaputt ist, was aber keinen weiter interessiert, denn wer braucht schon Kaffee, sonst geht’s ja auch, und überhaupt fehlen sowieso zehn Essen, das Cleaning ist auch noch nicht durch, der Co frisst mal wieder das letzte Crewobst ohne zu fragen, und unser Kapitän heult mir den Kittel über den letzten Cockpit-Tarifvertrag voll, der ja eine totale Unverschämtheit ist, und er jetzt Existenzängste hat, weil ihn die Unterhaltszahlungen auffressen für 5 Kinder und 3 Ex-Frauen, die deshalb Ex-Frauen sind, weil er sich durch sämtliche Layover poppen musste und die Frauen das irgendwann spitz gekriegt haben, und er jetzt doch tatsächlich die Finca auf Mallorca verkaufen muss.

„Das ist voll der coole Job hier!“ kiekst Lena-Florentine-Marie und strahlt wie ein Honigkuchenpferd.

Und ich kann mich nicht entscheiden, ob ich die zwei raren Sekunden freier Zeit nutzen soll, um endlich mal Pipi zu machen. Oder Lena-Florentine-Marie einfach mal eine zu scheuern. Mit anschliessendem Snapchat-Selfie und Hundeöhrchen. Hashtag #ilovemyjob und so.

3. September 2015

Spätsommersonntag.

Es war einer dieser Berliner Spätsommer-Sonntage – ein Tag, an dem die ganze Stadt noch ein letztes Mal ins Grüne aufbricht, denn alle wissen: Der ungemütliche Herbst steht schon vor der Tür und könnte sich jeden Moment die Stadt zurückerobern.

Wir saßen an der Spree, ich und meine Freundin Kristin, an einem Uferstück, das einsamer nicht hätte sein können.

Um dort hinzugelangen, muss man erst dorthin fahren, wohin ein eingefleischter Mitte-Neukölln-Hipster nie hinkommt: Über den schützenden S-Bahn-Ring hinaus und noch viel weiter, tief in den Osten der Stadt. Durch halb verfallene, halb luxussanierte Straßenzüge hindurch in ein altes Gewerbegebiet, über einen verwaisten Supermarktparkplatz hinweg an massiven ehemaligen Industriegebäuden vorbei, fanden wir uns am wohl einsamsten Spreeuferstück an diesem Sonntag auf unseren Picknickdecken wieder.

Die einzigen Menschenseelen, die uns an diesem Ort begegneten, waren Ruderer oder bootsfahrende Grüppchen, die vor uns auf dem Wasser vorbeizogen. (Und von denen uns einer schliesslich daran erinnerte, dass wir immer noch in Berlin sind, indem er sich am Bug des Bootes aufstellte, die Hosen runterließ und in hohem Bogen in die Spree pinkelte.)

Wir lagen im Gras, genossen den kühlen Schatten der riesigen Bäume, lasen ein bisschen, quatschen über Quatsch und Ernstes, schauten aufs Wasser.

Bis es hinter uns quietschte, das Quietschen einer alten, nicht geölten Feder. Auf und ab, auf und ab.

Wir drehten uns um, und auf dem asphaltierten Stückchen Weg hinter uns, der wenige Meter weiter als Sackgasse endete, fuhr eine kleine, junge Frau mit Kopftuch ganz allein auf einem rostigen Klapprad auf und ab. Auf und ab. Immer bis zum Ende des Weges und zurück. Der Sattel quietschte und war scheinbar zu hart, sie hatte sich darauf mit einem Gummiband ein Kissen festgebunden und statt in die Pedalen zu treten, stieß sie sich einfach rechts und links im Wechsel mit den Fußspitzen vom Boden ab, den sie trotz der niedrigen Höhe des Klapprades mit ihren kurzen Beinen nur so gerade eben erreichen konnte. Beschwerlich kam sie vorwärts.

Die ganze Situation war einfach so absurd, ich konnte nicht an mich halten, wie immer, wenn mir ein dämlicher Witz auf den Lippen brennt – ich schaute Kristin an und grinste: „Was für ein schöner Tag für eine ausgiebige Radtour, oder?“

Wir lachten.

Aber irgendwie zog uns der Wille dieser Frau an.

Sie war angespannt und ängstlich, und doch ließ sie sich nicht von ihrem Vorhaben abbringen, sich irgendwie mit ihrem alten, quietschenden Klapprad auf diesem verlassenen Stückchen Weg fortzubewegen.

Sie hielt auf unserer Höhe und lächelte. Hob gleichzeitig die Hände, als wolle sie sagen, sie kann es nicht besser, es täte ihr leid, sie versuche es trotzdem, irgendwie ist ihr diese Art der Fortbewegung nicht geheuer – aber die Worte wollten ihr nicht über die Lippen.

Ich rief: „Sollen wir helfen?“ und bevor wir uns über die Art der Verständigung Gedanken machen konnten, sprangen Kristin und ich synchron auf, liefen zu ihr, stellten uns rechts und links des Rades – eine Hand am Lenker, eine am Gepäckträger – und rannten mit ihr samt Rad los.

Kristin rief im Laufen: „Füße auf die Pedale und treten!“ und unsere mutige Fahranfängerin fasste sich ein Herz, vertraute zwei wildfremden Menschen, verließ mit den Fußspitzen den sicheren Asphalt und strampelte los.

Sie zitterte, wankte hin und her, aber sie strampelte und jauchzte vergnügt, alles zugleich.

Überwältigt von diesem klitzekleinen Moment des Erfolgs feuerten wir sie für ein paar weitere Pedaltritte an:
„Weitertreten, weiter, weiter!“
„Super, nicht aufhören!“
„Toll, toll!“

So schafften wir erst fünf Meter, dann zehn, dann zwanzig. Ihr fiel es noch sichtlich schwer, das Gleichgewicht zu halten, sie zitterte, war aufgeregt und erbat sich nach jedem erkämpften gefahrenen Stückchen eine Pause – um es danach gleich wieder erneut zu versuchen. Nochmal, nochmal, deutete sie uns, und wir packten wieder an und rannten mit ihr samt Rad jubelnd und anfeuernd los.

Am Wegesrand tauchte ein älterer Mann auf, bestückt mit Picknickutensilien und staunte ob der Fortschritte, und unsere Radfahrerin Fatima, mit der wir uns mittlerweile ganz gut verständigen konnten, stellte uns ihren Mann vor. Wie selbstverständlich setzten wir zusammen auf unsere Decke; Fatima und Kalil, so hieß ihr Mann, boten uns warmen Tee und Obst an, und wir unterhielten über dies und das.

Fatima erzählte uns, dass sie erst seit zwei Tagen Fahrradfahren lernt – und das mit 53 Jahren! Die man ihr im übrigen nicht ein bisschen ansah.
Wir staunten. Kristin als passionierte Radfahrerin konnte sich ihren Berliner Alltag ohne Rad nicht vorstellen. Ich dachte an meine Mutter, die auch erst im Erwachsenenalter hier in Deutschland Rad fahren lernen wollte, weil es in ihrer Heimat nicht üblich war. Sie hat es hat leider nie geschafft – weil es eben als Erwachsener ungleich schwerer ist, keine Angst vorm Hinfallen zu haben und sich einfach zu trauen, loszulassen und das Ungewohnte zu wagen.

Mit der gleichen Furchtlosigkeit, mit der sie Rad fuhr, sprach Fatima übrigens mit uns Deutsch – manchmal fehlten ihr die Worte, sie verhaspelte sich oder rang mit der verfluchten Grammatik. Aber sie ließ nicht locker, sie versuchte es weiter, wir reimten uns problemlos den Sinn zusammen, denn ihre Deutschkenntnisse waren wirklich gut.

Fatima fragte mich trotzdem nach jedem Satz ungläubig:
„Du verstehst mich? Du verstehst mich?“
„Ich verstehe dich!“
„Du? Verstehst? Mich?“
Ich reckte beide Daumen in die Luft, um ihr zu zeigen, wie beeindruckt wir von ihren Deutschkenntnissen waren und uns insgeheim ein bisschen schämten, dass uns im Gegenzug nur ein einziges arabisches Wort einfiel.
„Ja, ich verstehe dich!“
Und sie seufzte, lächelte selig und konnte es nicht fassen.


Fatima und Kalil kamen vor gut einem Jahr aus Syrien nach Berlin.
Fatima war in Syrien Lehrerin für Arabisch an einer weiterführenden Schule, Kalil für Mathematik.
Sie haben fünf Kinder.
Der jüngste ist fünfzehn Jahre alt, wohnt bei ihnen und besucht eine deutsche Schule.
Die beiden ältesten Söhne sind schon vor über zehn Jahren nach Berlin gekommen, um zu studieren, Medizin und Maschinenbau. Beide haben ihr Studium beendet und sich in der Stadt niedergelassen.

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Ich habe lange überlegt, warum diese Geschichte mir nicht mehr aus dem Kopf will, warum sie mich so beschäftigt, warum sie unbedingt aufgeschrieben werden wollte.

Dieser Text soll keinen Standpunkt in der aktuellen Flüchtlingsdebatte verteidigen und auch keine Partei ergreifen in einer Diskussion, in der immer öfter Antworten in einem diffusen Grau verschwimmen, anstatt klar schwarz oder weiß zu sein. Er ist wahrscheinlich auch keine rührige Flüchtlingsgeschichte, denn die Details des Weges von Fatima und Kalil nach Deutschland waren kein Thema bei unserem gemütlichen Spontan-Picknick. Sie sind weder in einem LKW eingesperrt gewesen noch haben sie in einem überfüllten Schlauchboot das Mittelmeer durchquert, denn kurz erzählten sie uns, dass sie aus Istanbul direkt nach Berlin geflogen seien. Mehr nicht.

Polemische Stellungnahmen gibt es außerdem schon genug – und ich bin der öffentlichen Bekenntnisse zu Pro oder Contra eh langsam müde. Gutmenschen, Schlechtmenschen, Schauspieler, Politiker, Brandstifter, Beifallklatscher, wer weiß überhaupt noch, was das Richtige ist?

Eins steht jedenfalls fest: Viele Menschen sind auf dem Weg, sie werden kommen, und der Strom lässt sich nicht mehr aufhalten. Viele werden so stark und unerbittlich sein wie Fatima auf ihrem Klapprad. Viele bringen ihre Kinder, mit der Hoffnung auf eine gute Ausbildung, ein besseres Leben, ein sicheres Leben.

Unsere Gesellschaft darf dieses Potenzial nicht wegschieben.

Im Gegenteil.

Öffnet die Tore.

Machen wir was draus.

#refugeeswelcome




















25. März 2015

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Jedes Jahr werde ich für den Ernstfall geschult. Auf jedem Flug habe ich den Ernstfall im Hinterkopf. Manchmal nur in einer hinterletzten, schwer zugänglichen Ecke des Hinterkopfes, aber er ist da.

Trotzdem bleibt es nur ein Gedankenspiel.

Bis einen die Realität einholt.

Telefone klingeln, das Handy ertönt in diversen Pings der eintreffenden Nachrichten von besorgten Freunden, Kollegen und Verwandten.
Ich beruhige die einen, die sich um mich sorgen, und weine mit den anderen, mit denen ich mich um wiederum andere sorge.
Ich schalte den Fernseher ein.
Auf den Nachrichtenkanälen laufen Live-Berichterstattung und Newsticker in Endlosschleife. Ich bin wütend auf Hollande, weil er vor die Presse tritt und alle Insassen für tot erklärt, obwohl noch niemand den absoluten, sichtbaren Beweis dafür gefunden hat. Experten erzählen irgendwas, um die Sendezeit zu füllen, denn das, was wirklich wichtig ist – der Grund, das Warum, das Wieso – weiß noch niemand. Vielleicht wird sich diese Frage in den nächsten Tagen oder Wochen zum Teil klären; aber das ganz große Warum – warum mussten so viele Menschen sterben, warum heute, warum dieser Flug, diese Crew, diese Gäste – das bleibt. 
Für immer.

Mein tiefes Beileid gilt den Angehörigen, Freunden und Kollegen der Gäste und denen der Crew.

Und ich hoffe und bete für uns alle, dass ich mir heute zum letzten Mal eine schwarze Schleife an das Revers meiner Uniform hefte.

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17. September 2013

Gaumenfreuden.

Das Bordangebot wird immer schmaler - kein Grund, nicht doch den ein oder anderen Sonderwunsch anzubringen.

Wir servieren heute: Ein pappiges Käsesandwich.

Ich: "Would you like a cheese sandwich?"
Indischer Pax (da klingeln dem interkulturell bewanderten Dienstleister schon die Ohren): "I'd like something vegetarian."
Aha. Forderung statt Frage. Nun gut.
Ich: "It's a cheese sandwich."
Indischer Pax: "No, but I'd like something vegetarian. Does it contain eggs?"
Ich halte die Plastikpackung mit dem Sandwich in der Hand, deren aufgeklebter Zutatenzettel so viele E-Nummern enthält, dass unsere Sandwiche eigentlich im Dunkeln leuchten müssten. Von frischer Küche keine Spur. Von veganer Küche erst recht nicht.
Ich: "It's vegetarian, but it's not vegan. It contains eggs and dairy products." Kann zwar vor lauter E's auf der Packung nichts erkennen, aber das sollte hinkommen.
Pax: "But it contains eggs, then I can't have it. I want something vegetarian. Can you arrange us a vegetarian option?"
Mein Freund, ich arrangier' Dir gleich was ganz anderes.

Nach einer kurzen Einführung in die Welt unserer Special Meals und dem dezenten Hinweis, dass er sich das mit seinem hinterhergeschmissenem Billigticket sowieso schenken könne, gingen wir friedlich auseinander und mit einem fröhlich geflötetem "Thank you, it was a very nice flight!" verließ mein heutiger Lieblingspax zusammen mit seiner nicht minder sympathischen indischen Entourage unser Schiff und zog von dannen.

Tja - und die Moral von der Geschichte?
Offensichtlich essen indische Vegetarier keine Eier. 
Ich brauche nochmal eine Nachschulung in der interkulturellen Kommunikation bezüglich des Unterschiedes zwischen vegan und vegetarisch.
Der Inder an sich ist nicht mein Lieblingsgast.
Die freudige Becker-Faust am Zielort erst ansetzen, wenn der Bus abgefahren ist.

Und vor allem muss ich unbedingt in Urlaub, wenn mir am Ende des Tages nur noch so ein Mist im Gedächtnis bleibt.

16. Juli 2013

Der Stern fragt - Schinken oder Käse? antwortet.

Da sitze ich doch heute im Flieger nach Hause und blättere durch den neuen Stern. Und siehe da - ein doppelseitiges Interview mit einer Kollegin vom fliegenden Personal. Schon skurril - mehrere tausend Menschen in Deutschland üben unseren Beruf aus, jedes Kind weiß, was ein Flugbegleiter macht und von einer aussergewöhnlichen Tätigkeit sind wir meilenweit entfernt. Trotzdem ist es dem Stern ein großes Interview wert, mal die Gedanken einer Flugbegleiterin zu durchleuchten. Nun ja, so viele Flugbegleiter es in unseren Breitengraden auch gibt - so unterschiedlich können die Meinungen zu unserem Beruf auch ausfallen. Höchst interessant, wie man einen Beruf teilt, sich ansonsten aber an zwei weitmöglichst entfernten Enden eines Koordinatensystems bewegt.

Denn so wäre das Stern-Interview verlaufen, hätte man Frau Schinken oder Käse? gefragt (und die Redaktion hätte vor lauter Verzweiflung ob fehlender brisanter Enthüllungen und Horrorstories und zu legerer Ausdrucksweise des Interviewpartners die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und das Interview schön in die Tonne gekloppt):
Fett die Original-Fragen des Sterns. Kursiv die Zusammenfassung der eigentlichen Antworten.

Stern: "Frau Schinken oder Käse?, bitte einmal ehrlich, nervt es Sie eigentlich, dass niemand mehr bei Ihren Sicherheitshinweisen vor dem Start hinschaut?"
Kollegin "nervt es total und möchte jedem Zeitungsleser die Zeitung aus der Hand schlagen".
Schinken oder Käse?: "Null. Die meisten unserer Paxe sind Vielflieger und bei der heutigen Easy-Jet-Setterei-Mentalität kann man davon ausgehen, dass die Zahl der Erstflieger gen Null tendiert. Jeder hat schon mal eine Safety Demo gesehen - und mal ehrlich, wenn jemand drei Mal die Woche fliegt, gehe ich einfach davon aus, dass er genug Grips und Erinnerungsvermögen in der Birne hat, um nicht bei jedem Flug gebannt auf die Sicherheitshinweise achten zu müssen. Ausserdem hat jeder (gut, die meisten) unserer Gäste ein funktionierendes Gehirn mit eingebautem Überlebenswillen, das soll ja in Notsituationen auch schon mal ganz nützlich sein. Wir befördern Menschen, keine Schafe."

Stern: "Wann hat das angefangen, dass die Leute nicht mehr hingeguckt haben?"
SoK: "Seitdem Hinz und Kunz für 19€ am Wochenende durch Europa reisen."

Stern: "Was helfen mir die Sicherheitshinweise, wenn ein Flugzeug abstürzt?"
SoK: "Bei vielen fatalen Abstürzen wie z.B. dem der Air France über dem Atlantik: Nüscht. Da isses dann auch egal, ob Sie wissen, wo der Notausgang ist, wenn der Flieger in 200 Millionen Einzelteile pulverisiert wird. Ansonsten: es sind gute Tipps und es schärft vielleicht ein wenig die Sinne, um im beherrschbarem Notfall sich doch noch selbst und anderen helfen zu können."

Stern: "Thema Handys. Glauben Sie wirklich, dass die Leute ihre Smartphones auf Flugmodus schalten?"
SoK: "Glauben Sie an den Weihnachtsmann?"

Stern: "Sobald das Flugzeug gelandet ist, springen immer alle auf. Nervt Sie das auch?"
SoK: "Ach, lass se doch. Wenn ich sage, sitzenbleiben, und wider unseren Anweisungen legt sich doch mal einer lang, weil während des Rollens sich der Kapitän zu ner Vollbremsung wegen was auch immer entscheidet - ja, mei, dann kann ich auch nix ändern. Selbst schuld halt. Bin doch kein Kindermädchen."

Stern: "Wer klatscht noch nach der Landung?" 
SoK: "Unter den Paxen: Niemand. Sonst: manchmal ich. Und stifte noch Kollegen an. Die irritierten Blicke der Paxe sind unbezahlbar. Die klatschen dann aber auch mit, aus Spass an der Freude. Unser Cockpit fühlt sich geschmeichelt und alle sind glücklich."
Bei der Kollegin klatschen wohl viele Griechen.

Stern: "Wieso haben Griechen Angst vorm Fliegen?"
SoK: "Vielleicht ist die Olympic (Airways, Amn.) so grottig. Oder aber wegen der griechischen Mythologie. Ikarus und so. Ach, was weiß ich."

Stern: "Wo sitzt man am besten?"
SoK: "Aufm Cockpit-Jump. Freie Sicht nach vorne, keine Menschenmassen und mit Glück zwei geile Typen als Reisebegleitung."

Stern: "Wie kriegt man diese Plätze?"
SoK: "Als Fussgänger bzw. Nicht-Airliner: Schlafen Sie mit dem Kapitän."

Stern: "Lassen Sie uns mal über Beinfreiheit in der Economy sprechen."
SoK: "Und dann?"

Stern: "Sitzt man besser am Fenster oder am Gang?"
SoK: "Das wird ja jetzt voll der Expertentalk hier. Was meinen Sie denn??? Mit ner schwachen Blase auf jeden Fall am Fenster, oder was soll ich jetzt hier empfehlen??? Ts."

Stern: "Welche Toilette sollte man nehmen?"
SoK: "Wenn's nach mir geht: Gar keine. Darum."

Stern: "Wie schmuggelt man am besten übergroßes Handgepäck ins Flugzeug?"
SoK: "Ich bin doch nicht so bescheuert und gebe Ihnen Tipps, die mir selbst das Leben schwer machen!?! Aber Flirten hilft immer. Flirten Sie, was das Zeug hält, fragen Sie nett und wenn alles nix hilft, stecken sie der Düse diskret nen Fuffi zu." (So, war jetzt n ganz uneigennütziger Tipp. Möchte mal sehen, wie viele Paxe den Stern lesen, brauche nämlich noch Taschengeld für den nächsten Urlaub.)

Stern: "Warum trinkt man in Flugzeugen so gerne Tomatensaft?"
SoK: "Oaaah neee. Nicht die Nummer schon wieder. Hammse nich mal neuere Fragen??"

Stern: "Das Bier ist meistens auch schnell alle."
SoK überlegt gerade, ob sie wirklich den richtigen Beruf gewählt hat. Wenn schon Journalisten nur solche stumpfsinnigen Fragen zu ihrem Job einfallen.

Stern: "Warum nehmen Sie denn so wenig Bier mit?"
SoK (rollt mit den Augen): "Es gibt halt kein Bier auf Hawaii."

Stern: "Auf der Langstrecke trinken doch alle, um das zu überstehen, oder?"
SoK (total entrüstet): "Also wie jetzt??? Das halte ich für eine infame Unterstellung, ja!!! Wir sind doch keine Alkoholiker!?! Gut, ein, zwei, drei, vier, fünf Gläschen After Landing hier und da, und mal nen Schnaps an der Hotelbar, das macht einen ja wohl noch lange nicht zum Al... Oh. Ach so. Sie meinen die Paxe. Oh. Ähm. Ja."

Stern: "Mit wem fliegen Sie am liebsten?"
SoK: "Mit dem gutaussehenden spanischen Co, der ist voll süß und trägt mir immer den Koffer."

Stern: "Wer ist sympathischer, Passagiere aus der Economy oder aus der Business?"
SoK: "Je teurer das Ticket, desto unprätentiöser die Leute. Is so."

Stern: "Sie müssen immer lächeln."
SoK: "Wo haben Sie das denn her?? Ich lächle immer noch, wann ICH will. Ausserdem ist dieses Dauergegrinse total unecht und lässt einen so richtig schön dämlich wirken. Wollen Sie etwa ne dümmliche Düse auf Ihrem Flug??"

Stern: "Schon mal ausgerastet?"
SoK: "Nee. Aber eingeschlafen."

Stern: "Die Stimmung schaukelt sich schnell hoch auf Flügen?"
SoK: "Find ich jetzt nich so. Irgendwann weiß man, was man zu tun hat, um einen Flieger voll mit Paxen im Griff zu haben. Aber die Tricks sind geheim. Oder nachzulesen in jedem drittklassigen Crowd-Management-Ratgeber."

Stern: "Wer kauft noch duty-free?"
SoK: "Das frage ich mich auch immer."

Stern: "Hatten Sie schon viele Prominente auf Ihren Flügen?"
SoK: "Ja. Viele. Weniger bekannte und wirklich richtig bekannte Persönlichkeiten aus allen Bereichen."
Kollegin berichtet von Costa Cordalis, Jürgen Drews, Rainer Calmund, der Business fliegt, seine Familie aber in der Eco und der in der Business tatsächlich auf einen einzigen Sitz passt, zum Erstaunen der gesamten Crew, und Stefan Effenberg, der eigentlich nett war, aber dann doch nicht, weil er ein Twix mit einem Fuffi bezahlen wollte, sie es ihm dann schenken wollte, er aber dann doch Kleingeld... und so weiter.
SoK: "Und wir sind diskret. Und reden nicht öffentlich über unsere Gäste, nicht positiv, nicht negativ, nichts."

Stern: "Gibt es den Mile High Club wirklich? Paare, die über den Wolken Sex haben wollen?"
SoK: "Naja, wer's mag. Muss aber schon Business oder First sein, ansonsten wird's echt eng, ne. Beinfreiheit und so. Oder sie angeln sich ne Kontorsionistin."

Stern: "Mussten Sie schon viele Anmachen ertragen?"
SoK: "Die Frage impliziert ja, als wären alle Anmachen an Bord von schlimmen Gestalten. Naja. Ertragen finde ich hier falsch. Und im Hinblick auf unsere doch im großen und ganzen höflichen und netten Vielflieger wird man doch wirklich gerne angesprochen. Zum anderen wird man gar nicht so oft angemacht, wie alle denken (und nein, das liegt nicht daran, dass ich wie ne Vogelscheuche zum Dienst gehe) - Paxe sind nämlich voll schüchtern bei uns."

Stern: "Wie häufig sind Affären zwischen Stewardess und Pilot?"
SoK: "Das schon wieder. Neeee, das gibt es nicht. Auf gar keinen Fall. Ja, was meinen Sie denn??!"

Stern: "Ärgert es Sie, dass Stewardessen Saftschubsen genannt werden?"
SoK: "Mir doch egal. Wer von uns darüber nicht auch mal lachen kann, der hat's eh schwer. Allerdings sollten Sie mich an Bord nicht so nennen. Da ist es nämlich nicht eine Frage des Humors, sondern des allgemeinen Respekts. Und Sie wollen nicht wissen, wie eine Düse ausrasten kann, wenn sie sich nicht respektiert fühlt. Denken Sie immer daran: Wir haben eine Nahkampfausbildung."

Stern: "Wenn Sie in den Urlaub fliegen, was fliegen Sie dann?"
SoK: "Ich fliege gar nix, bin doch kein Pilot. Halloo? Ts."


Das Original-Interview ist nachzulesen im aktuellen Stern, Nr.29.